Texte Katja Haescher

Auswahl an Beiträgen von Katja Haescher

Einem Lied auf der Spur

Melodie des Mecklenburgliedes stammt aus Oberschlesien – auch in Franken und an der Weser wird dazu gesungen

„Wo die grünen Wiesenleuchten weit und breit…“ – bei vielen Mecklenburgern sorgen schon die ersten Zeilen des Mecklenburglieds für Ohrwurmgarantie. De Plattfööt haben es gesungen und viele stimmen es noch heute gern auf Festen an. Doch woher kommt dieses Lied? Das fragt sich Elfriede Mohr aus Groß Laasch, die diese Frage schon an viele Alteingesessene weitergegeben hat – keiner wusste eine Antwort. Auch eine Internetrecherche brachte nicht auf Anhieb das gewünschte Ergebnis.

Da steht zum Beispiel: „Das Original heißt ,Wo de Ostseewellen trecken an den Strand‘ und wurde von Martha Müller-Grählert 1907 in Berlin verfasst und von Simon Krannig 1908/10 vertont.“ Doch mit dieser Erklärung gibt sich Elfriede Mohr nicht zufrieden: „Das kann nicht stimmen, die Melodie ist nicht die gleiche“, sagt sie. Und auch der Takt ist es nicht. Denn während die „Grünen Wiesen“ im Vier-Vierteltakt leuchten, rollen die Ostseewellen im Drei-Viertel-Walzertakt ins schunkelnde Publikum.
„Das Mecklenburglied hat mir viel Kopfzerbrechen bereitet“, gesteht auch Jochen Wiegandt. Der Hamburger ist Herausgeber eines Liederbuchs für Mecklenburg-Vorpommern. Unter der Überschrift „Kennt ji all dat niege Leed?“ hat er darin neben Texten und Noten auch die Entstehungsgeschichten der einzelnen Stücke gesammelt.
Eine einfache Geschichte ist es nicht, die hinter dem Mecklenburglied steckt. Seine Melodie stammt aus der Feder von Hermann Nielebock, der unter dem Künstlernamen Herms Niel auftrat und in Nazideutschland als Militärmusiker Karriere machte. Nielebock, Mitglied der NSDAP und Hauptmusikzugführer beim Reichsarbeitsdienst, schrieb das Lied vermutlich 1941 als Oberschlesienlied.
Den Text, der neben Landschaftsbeschreibungen auf Schlüsselwörter wie „deutsch“, „kämpfen“ und „Blut“ setzt und spätestens in Strophe fünf Treue zum Führer einfordert, lieferte Emil Wieczorek.
Nielebocks Melodie ging auf Wanderschaft und erklang nach dem Austausch von Textpassagen auch anderswo – in Franken zum Beispiel oder an der Weser. Textdichter, die sich der Noten bedienten, strichen nach dem Zweiten Weltkrieg einfach Nazi-Parolen und ersetzten Ortsbezeichnungen. So heißt es dann wahlweise mit leichten Abweichungen zur bekannten Melodie: „Wo vom Annaberg man schaut ins weite Land“, „Wo der Main sich schlängelt wie ein Silberband“ oder eben „Wo die grünen Wiesen leuchten weit und breit“. Sogar in einem Fußballlied bei Werder Bremen klingt die Melodie durch. Wer es probieren möchte: „Wo die Weser einen großen Bogen macht, wo das Weserstadion strahlt in neuer Pracht…“
Wie genau das Lied nach Mecklenburg kam und wer den Text schrieb, hat Jochen Wiegandt noch nicht herausgefunden – für jeden Hinweis ist er dankbar. Er erinnert sich an einen Leserbrief, der ihn erreichte, als er das Material zum Mecklenburger Liederbuch sammelte. Darin war die Rede von einem Soldaten aus Oberschlesien, der nach dem zweiten Weltkrieg in Mecklenburg heimisch geworden war und den Text auf die ihm bekannte Musik verfasst haben soll. Ob die Geschichte stimmt – wer weiß. In jedem Fall führte sie Wiegandt auf die Spur der Noten. Fest steht auch, dass das Lied in Mecklenburg schnell Anklang fand. Denn eine andere Schreiberin erinnerte sich, dass es die mecklenburgische Delegation beim Einmarsch zur Eröffnung der Weltjugendspiele 1951 sang.
Viele der heute bekannten Regionalhymnen entstanden Ende des 19. bis in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts. Oft waren es Lehrer und Pastoren, die die Texte lieferten. Wie das Beispiel des Oberschlesienliedes und seiner Ableger zeigt, ist es vor allem die Beschreibung von Landschaften, die Identität stiften soll. „Ohne Deich, Waterkant und den stolzen Kirchturm kommt kaum eins aus“, sagt Jochen Wiegandt, der gerade Lieder in Schleswig-Holstein unter die Lupe nimmt und auch hier die bekannten Strickmuster entdeckt. Dabei, sagt Wiegandt, wäre ja auch mal ein anderes Heimatlied denkbar. Ganz spontan muss er an Stings „Englishman in New York“ denken, in dem es heißt: „Ich trinke keinen Kaffee, ich nehme Tee…“ „Diese kleinen Eigenheiten sind es doch, die uns und unsere Heimat ausmachen“, sagt der Musiker und Autor.
Vielleicht führt ja der Wettbewerb für ein Landeslied auf einen neuen Weg. Der Landesheimatverband hat ihn ausgelobt – nicht, um dem Mecklenburg- und dem Pommernlied Konkurrenz zu machen, sondern um das Bundesland musikalisch zu vereinen. Bis zum Einsendeschluss waren 150 Beiträge eingetroffen, nun stehen vier auf der „Shortlist“, für die ab 19. Februar öffentlich abgestimmt werden kann – zum Beispiel über die Homepage des Landesheimatverbands heimatverband-mv.de. Im April wird bei einer Gala im Theater Stralsund der Gewinner bekannt gegeben.

Mecklenburg-Magazin Schweriner Volkszeitung, 2019

Hoch die Tassen!

Ein Prosit auf Käthe Miethe: Am 11. März feiert das Fischland 125.Geburtstag der Schriftstellerin / Buch im Thomas-Helms-Verlag erschienen

„Es tut gut, wenn man seine Erfahrungen in jungen Jahren macht, damit sie einem für das eigene Leben nützen können.“ Das bekommt Gudrun, Tochter eines Fischländer Kapitäns, von ihrem Vater zu hören, als sie ihn auf eine Schiffsreise begleiten darf. „Zu den Glücklichen Inseln“ ist ein Buch von Käthe Miethe, die mit ihren Werken dem Fischland ein literarisches Denkmal gesetzt hat. Lange lag die Erzählung in der Schublade – warum auch immer. Nun hat der Wustrower Helmut Seibt das bislang unveröffentlichte Manuskript herausgegeben.

Pünktlich zum 125. Geburtstag der Autorin am 11. März ist es im Schweriner Thomas-Helms-Verlag erschienen. Der Herausgeber sieht darin eine ungewöhnliche Geschichte. Eine, zu der ein Pionier der Farbfotografie und die Insel Teneriffa genauso gehören wie das Fischland, weiße Mokkatassen und ein vergessener Hefter mit 145 Schreibmaschinenseiten. Aber der Reihe nach.
Dr. Helmut Seibt ist kein Schriftsteller, sondern Pädagoge und Mathematiker, vielseitig interessiert und außerdem mit einer Althägerin verheiratet. Gisela Seibts Elternhaus steht in der Nachbarschaft der Büdnerei, in der Käthe Miethe zu Hause war. Als Kind half sie „Frau Miethe, wie wir sagen mussten“ bei der Gartenarbeit. „Ich bekam dafür Bonbons und meine Schwester, die schon etwas älter war, Bücher“, erinnert sich die 73-Jährige. Die Bücher gehörten zu einem Genre, das Seibts „Jungmädchenbücher“ nennen: Deren Heldinnen stehen an der Schwelle zum Erwachsensein – mit allen Herausforderungen.
Käthe Miethe schrieb diese Bücher in den 1920er- und 1930er-Jahren. Zuvor hatte sie Abenteuergeschichten veröffentlicht, die sich an Berichte von Forschungsreisen ihres Vaters nach Ägypten und Spitzbergen anlehnten. Der Chemiker Adolf Miethe hatte als Astrofotograf an mehreren Expeditionen teilgenommen. Von ihm stammen ein Verfahren zur Dreifarbenfotografie und erste Farbbilder, die er bereits Anfang des 20. Jahrhunderts veröffentlichte. Ein Band im Bücherschrank seiner Schwiegereltern brachte Helmut Seibt auf die Spur des Wissenschaftlers – und auch auf die von dessen Tochter.
Die Familie war eng mit dem Fischland verbunden: Hierher fuhren Miethes in die Sommerfrische, hier kaufte Adolf seiner Tochter Käthe 1916 die Büdnerei 54. Waren es anfangs Sommeraufenthalte, zog Käthe Miethe 1939 ganz nach Althagen. Seibt vermutet, dass sie damit dem Treiben der Nazis in Berlin entgehen wollte. Zwar gibt es keine schriftlichen Äußerungen zu diesem Thema, doch ihr gesamtes Werk weist keine Nähe zu den braunen Machthabern auf.
Auf dem Fischland wurde Käthe Miethe Teil einer Gemeinschaft, die von der Seefahrt geprägt war. Jetzt entstanden ihre Fischland-Bücher, die sich durch seemännisches Fachwissen und Lokalkolorit auszeichnen. „Um so erzählen zu können, musste Käthe Miethe auch etwas erzählt bekommen“, sagt Seibt. Er weiß von alten Althägern, dass die Schriftstellerin deshalb in den Schifferkneipen einkehrte: im „Boddenhaus“, „Zum Kiel“ und am„Kap der guten Hoffnung“. Hier spannen die Seebären ihr Seemannsgarn, hier hieß es „Hoch die Tassen“. Im Falle von Käthe Miethe im wahrsten Sinne des Wortes:
Die Schriftstellerin trank Kognak aus dem Mokkatässchen – „Braunes aus weißen Tassen“, so ist es überliefert.
Käthe Miethes Kunst ist es, durch ihre Erzählweise das alte Fischland vor dem inneren Auge des Betrachters entstehen zu lassen. Und nicht nur das Fischland: Die Hauptheldin des Buches „Zu den Glücklichen Inseln“ reist auf einem Bananendampfer nach Teneriffa. „Nach den Beschreibungen könnte man dort spazieren gehen, Santa Cruz, der Pik, alles steht vor Augen“, sagt Helmut Seibt. Er war bei einer Recherche im Archiv des Hinstorff-Verlages auf das Manuskript gestoßen: 145 Seiten, auf der Schreibmaschine getippt. Seibt übertrug jede Zeile in den Computer – und so ist 57 Jahre nach Käthe Miethes Tod wieder ein „Jungmädchenbuch“ erschienen. Neben der abenteuerlichen Geschichte enthält der Band ein Tagebuch von Käthe Miethes eigener Reise nach Teneriffa. 1926 war sie drei Monate lang auf der Insel und veröffentlichte ihre Beobachtungen in der Deutschen Allgemeinen Zeitung, für deren Feuilleton sie schrieb. Zudem war die 1893 in Rathenow geborene Schriftstellerin und Journalistin als Übersetzerin tätig – sie übertrug Bücher aus dem Norwegischen ins Deutsche.
Käthe Miethe lebte ihren Anspruch, dass Frauen selbstständig sein und einen Beruf haben sollten. Damit war sie zu ihrer Zeit revolutionär. Als „uriger, umgänglicher Mensch“ ist sie Alteingesessenen auf dem Fischland in Erinnerung geblieben. Die Jüngeren und neu Hinzugezogenen hören es durch Erzählungen.
Zum Beispiel bei Veranstaltungen des Käthe-Miethe-Stammtischs, den Gisela und Helmut Seibt ins Leben gerufen haben. Und wenn sie mit Gästen bei den 8. Käthe-Miethe-Tagen am 11. und 12.März in Malchens Café auf den Geburtstag der Schriftstellerin anstoßen, tun sie es natürlich mit Kognak in kleinen Mokkatassen.

Mecklenburg-Magazin Schweriner Volkszeitung 2018

Risse in der Mauer

Rostock und Turku sind seit 60 Jahren Partnerstädte

Das Graffito macht die Wand des Eskeli-Parkhauses bunt. Rostock-Turku ist darauf zu lesen, die Wandmalerei war bei ihrer Entstehung das größte legale Sprühbild Finnlands. Mehr als 20 Jahre alt ist das Bild – und noch älter die hier dargestellte Verbindung. Seit 1959 besteht zwischen den beiden Städten an der Ostsee eine offizielle Partnerschaft.

„Nach dem zweiten Weltkrieg sahen die Vereinten Nationen in Städtepartnerschaften eine Möglichkeit, weitere Kriege zu verhindern“, sagt Karin Wohlgemuth, die in der Rostocker Stadtverwaltung in der Abteilung internationale Beziehungen tätig ist. Erklärtes Ziel war es, die Menschen an der Basis zusammenzubringen und Verständnis für Unterschiede und Gemeinsamkeiten zu wecken. Die Resonanz war gewaltig: Mehr als 7000 kommunale Partnerschaften und Kontakte unterhalten heute Städte, Gemeinden und Landkreise in Deutschland – so die Zahl der deutschen Sektion des Rates der Gemeinden und Regionen Europas.
Die Rostocker schlossen 1957 ihre erste Städtepartnerschaft mit dem polnischen Stettin. „Zwischen diesen beiden Städten besteht auch eine der kürzesten geografischen Verbindungen“, weiß Angelika Scheffler, die bis zu ihrer Pensionierung Anfang dieses Jahres viele Städtepartnerschaften der Hansestadt betreute. Doch nicht nur innerhalb des Ostblocks wurden die Fäden geknüpft – die DDR bezweckte mit den Städtepartnerschaften Ziele, die über das Glätten von Wunden hinausgingen. „Die DDR war diplomatisch nicht anerkannt, was sich auf politischer und wirtschaftlicher Ebene natürlich als großes Handicap erwies“, sagt Angelika Scheffler. Eine Möglichkeit, den jungen sozialistischen Staat international zu präsentieren, war die Ostseewoche, die zwischen 1958 und 1975 jedes Jahr in der DDR veranstaltet wurde. Unter dem Motto „Die Ostsee muss ein Meer des Friedens sein“ trafen sich hier Vertreter der Ostsee-Anrainer-Staaten. In der Folge entstanden zwischen Rostock und skandinavischen Städten mehrere Partnerschaften: 1959 mit dem finnischen Turku, 1964 mit Aarhus in Dänemark, 1965 mit dem schwedischen Göteborg und dem norwegischen Bergen. Vor allem in Finnland sah die DDR ein Tor, um die diplomatische Isolation zu durchbrechen: Als einziges nichtsozialistisches Land unterhielt Finnland gleichwertige Beziehungen zu beiden deutschen Staaten. Bis in die 1970er-Jahre wetteiferten Bundesrepublik und DDR mit Mitteln der Kulturpolitik um ihre Ziele. Auch der Abschluss von finnisch-ostdeutschen Städtepartnerschaften fällt in diese Zeit.
Interessant finden es Angelika Scheffler und Karin Wohlgemuth, dass die Verträge zwar ausgehandelt, aber nicht unterschrieben wurden. „Das haben wir dann nach der Wende nachgeholt“, sagt Angelika Scheffler, die stolz ist, dass alle Partnerschaften über diese turbulente Zeit geführt werden konnten. Mit den offenen Grenzen wurde es leichter oder überhaupt erst möglich, den Austausch wirklich an der Basis zu führen. Zuvor hatte sich die Verbindung in erster Linie auf die kulturelle Ebene beschränkt. Dass Rostocker Einwohner in Partnerstädte nach Finnland oder Frankreich reisen konnten, war nicht vorgesehen.
Trotzdem gab es Risse in der Mauer. Das zeigt das Beispiel der Partnerschaft mit Dünkirchen im französischen Département Nord, die seit 1960 besteht und eine besondere Geschichte hat. Ihr zugrunde liegt eine Freundschaftsgesellschaft, für die sich einstige französische Kriegsgefangene engagierten. „25 Jahre lang kamen Kinder aus Dünkirchen nach Rostock ins Ferienlager“, erzählt Angelika Scheffler. Stadt und Rat des Bezirkes finanzierten Unterkunft und Programm, die Familien der Kinder übernahmen die Reisekosten und zahlten einen Beitrag, mit dem die Arbeit der Freundschaftsgesellschaft unterstützt wurde. Gegenbesuche von Rostocker Kindern gab es nicht.
Auch Frankreich war ein Land, in das die noch junge DDR zahlreiche Partnerschaftsfäden knüpfte. Nach Angaben der Bundeszentrale für politische Bildung waren es bis 1965 immerhin 153 Partnerschaften – meist zu Städten mit kommunistischen Bürgermeistern. Da hier ein Austausch meist nur auf Parteiebene stattfand, konnte eine unter den Menschen gelebte Verbindung natürlich nicht entstehen.
Auch in Rostock war die Wendezeit schlecht für Beziehungen unter den Kommunen. „Es gab ja ganz andere Probleme“, blickt Angelika Scheffler zurück. Dazu kam das Bestreben einiger, das „Alte“ komplett über Bord zu werfen. „Warum Dünkirchen, das ist doch kein schöner Ort, sollte es nicht lieber etwas touristisch Attraktives sein?“ Auch an dieses Argument kann sich Angelika Scheffler erinnern. Und sie will es entkräften. Schließlich geht es nicht nur um schöne Stadtspaziergänge, sondern um erfahrendes Leid und die Verantwortung, die daraus resultiert.
Heute pflegt Rostock zu 14 Städten eine Partnerschaft, dazu kommen sieben weitere befreundete Städte. Für Angelika Scheffler und Karin Wohlgemuth sind die Partnerschaften auch eine Friedensbewegung, ein Beitrag gegen Vorurteile, Rassismus und Antisemitismus. Den Kern der Arbeit sehen sie in Begegnungen zwischen Jugendlichen. „Es geht nicht darum, die Rathäuser zu vernetzen, sondern die Vereine, Sportgruppen, Universitäten“, sagt Karin Wohlgemuth. Und manchmal halten Freundschaften bis ins Alter. „1967 wurden wir in der Schule aufgefordert, anlässlich des 50. Jahrestags der Oktoberrevolution Grüße in unsere Partnerstadt Riga zu schicken“, erinnert sich Angelika Scheffler. Sie bekam Antwort, es entstand eine Brieffreundschaft, später lernte sie die Briefpartnerin bei einem Besuch in Riga kennen. „Nun besteht unsere Freundschaft schon seit 50 Jahren“, sagt Angelika Scheffler. Nur eins hat sich geändert: Inzwischen schreiben die Frauen per WhatsApp.

Mecklenburg-Magazin Schweriner Volkszeitung 2019

Der Wörtersammler von Strelitz

Daniel Sanders gehört zu den bedeutendsten Lexikografen des 19. Jahrhunderts und machte sich für gutes Deutsch stark

Warum Candelaber, wenn man auch Armleuchter sagen kann? Ein Reflektor – ist das nicht ein Rückstrahler? Und heißt das aus dem Griechischen stammende Wort Planet auf Deutsch wirklich Irrstern? Fragen über Fragen. Sie alle und mehr beantwortet Dr. Daniel Sanders im „Verdeutschungsbuch“ – einem seiner zahlreichen Wörterbücher.

Der Gelehrte, der Menschen zu einem „besseren Deutschgebrauch“ befähigen wollte und auch keine Angst hatte, sich mit Jakob Grimm anzulegen, wurde vor 200 Jahren in Strelitz geboren. Das Datum jährt sich im November, 2019 wird es aus diesem Anlass in Mecklenburg und darüber hinaus mehrere Veranstaltungen geben.
Zu Recht, findet der Sanders-Spezialist Hartwig Richter. Und er findet es bemerkenswert, dass Sanders im 19. Jahrhundert Herausforderungen ausmachte, die denen von heute ähnlich sind: vom Fehlen verständlicher deutscher Ausdrücke in verschiedenen Branchen bis hin zu dem Wunsch, jungen Menschen sprachliches Können und die Fähigkeit zu klarem, unmissverständlichem Ausdruck zu vermitteln. Gleichzeitig sah Sanders die Sprache als ein lebendiges Konstrukt, dass nicht bei Goethe stehen geblieben war, sondern ständig Neues aufsaugte und sich den Veränderungen und dem Alltag der Zeit anpasste.
Aber wer war dieser Daniel Sanders? Neben den Grimms zählt er zu den bedeutendsten deutschen Lexikographen des 19. Jahrhunderts, doch kaum jemand kennt ihn im Vergleich zu den „Märchenbrüdern“. Sanders wurde am 12. November 1819 in Strelitz als Sohn eines jüdischen Kaufmanns geboren und besuchte das Gymnasium Carolinum in Neustrelitz, wo er vor allem durch seine Begabung im Fach Mathematik auffiel. Später studierte Sanders Mathematik, Philosophie und Philologie und promovierte in Halle im Fach Mathematik. „In der Beurteilung seiner Doktorarbeit wurde ihm schlechtes Latein vorgeworfen“, weiß Hartwig Richter, der seit Jahren zur Person Sanders‘ forscht.
Richters Leidenschaft gilt eigentlich den Märchen, 50.000 hat er auf seiner Festplatte, vor allem die Figur des Rotkäppchens hat es ihm angetan. Als der 66-Jährige vor Jahren nach Neustrelitz zog, stolperte er im übertragenen Sinne über Sanders, der Märchen übersetzt und Märchen in mecklenburgischem Platt gesammelt hatte. Richter war fasziniert von dem umfangreichen Werk, das Lexika, Fremd- und Synonymwörterbücher genauso umfasste wie Lehrbücher und Vorschläge für eine einheitliche Rechtschreibung. Hatte Sanders womöglich seine Doktorarbeit in Mathematik noch auf Fachchinesisch in schlechtem Latein geschrieben, schuf er stattdessen mit seinem Wörterbuch der deutschen Sprache ein modernes und praktisch zu gebrauchendes Werk. Im Gegensatz zu den Brüdern Grimm verwendete er eine andere Systematik, in dem er zum Beispiel von Grundwörtern ausging und Ableitungen und Zusammensetzungen folgen ließ. Seine Arbeit fußte auf dem aktuellen Sprachgebrauch der Zeit. Sanders hatte auch keine Furcht, seine Kritik an dem Grimmschen Wörterbuch öffentlich zu machen – viel Spott und Häme aus der Gelehrtenwelt waren die Folge. Vom geringschätzig betrachteten Beitrag eines mecklenburgischen Provinzlers – Sanders war bis 1952 in Strelitz Schulleiter gewesen – bis zum unverhohlenen Antisemitismus war alles dabei. Allerdings erwies sich Sanders‘ Ansatz in der Folgezeit als sehr erfolgreich, da sich nach seiner Methode gut mit dem Wörterbuch arbeiten ließ. „Grimms hatten ein Buch fürs Volk versprochen und haben eins für die Gelehrten geschaffen“, sagt Hartwig Richter.
Sanders war dicht an den Menschen – und ist es noch heute. Das unter seiner Mitarbeit entstandene große deutsch-englische Wörterbuch Muret-Sanders gibt es nach wie vor im Programm des Langenscheidt-Verlags. Ein bisschen „Google für die Hosentasche“ ist ein Gegenstand, den Hartwig Richter „das kleinste Lexikon der Welt“ nennt. Es enthält 175000 Wörter, von Daniel Sanders zusammengetragen, und steckt in einer Metallhülse, an der sowohl eine Lupe zum Lesen der winzigen Schrift als auch eine Öse angebracht sind – „um das Buch an die Uhrkette zu hängen“, erklärt Hartwig Richter. „Dann konnte man es während einer Konversation herausziehen und klug mitreden.“
Richter, der heute in Schwerin lebt, hat auch hier Verbindungen zu Sanders entdeckt. Wenn die „dankbaren Verehrer in Mecklenburg“ mit einem Denkmal an den Begründer des Weltpostvereins Heinrich von Stephan erinnern, dann denkt Richter an dessen 671 „Verdeutschungen“. Damit ersetzte Stephan überwiegend französische Begriffe im Postwesen durch deutsche – sein Berater dabei war Dr. Daniel Sanders. Im Mai plant Richter ein Projekt mit Schülern des Fridericianums, an dem im 19. Jahrhundert auch ein guter Freund und Briefpartner von Sanders, ein Professor Latendorf, Lehrer war. Auch darüber hinaus, so Richter, gäbe es noch viel zu sagen. Über den Demokraten Sanders zum Beispiel, der mit der Revolution von 1848/49 sympathisierte und sich für staatsbürgerliche Rechte und die Gleichstellung der Juden im Großherzogtum Mecklenburg-Strelitz einsetzte. Über den Intellektuellen, der mit Größen seiner Zeit – wie zum Beispiel Heinrich Schliemann – korrespondierte. Über den Versdichter, dessen Zeilen unter anderem vom Strelitzer Hofkapellmeister Alban Förster und der Friedländer Komponistin Emilie Mayer vertont wurden. „Denn nur im Wörterbuch“, sagt zitiert Richter den Unternehmer Vidal Sassoon, „steht Erfolg vor Fleiß.“

Mecklenburg-Magazin Schweriner Volkszeitung 2019

Nachtschwärmer im Geäst

Die Haselmaus ist zurück in Mecklenburg / Vortrag heute im Grenzhus Schlagsdorf

Nachtschwärmer, Langschläfer, Kletterkünstler: Das alles ist die Haselmaus. Nur eine Maus – das ist sie nicht. Der kleinste der europäischen Bilche ist heute Abend Protagonist eines Vortrags, mit dem die Biologin Nora Wuttke im Grenzhus in Schlagsdorf ihre Zuhörer in die kleine Wildnis nahe der Haustür mitnimmt.

Denn hier, im Biospärenreservat Schaalsee an der Grenze zu Schleswig-Holstein, gibt es seit einigen Jahren wieder Spuren der Haselmaus zu entdecken. Zur Freude von Biologen und Naturschützern – war doch der Winzling in Mecklenburg bereits ausgestorben. Nur auf der zu Vorpommern gehörenden Insel Rügen gibt es im deutschen Nordosten noch eine weitere Population.
Der Haselmaus ist schwer auf die Schliche zu kommen. Das Tierchen ist nachtaktiv und hat das Geäst von Bäumen und Sträuchern als Lebensraum – viele Gelegenheiten für eine Begegnung gibt es da nicht. Und selbst die Autokorrektur des Computers macht aus Haselmaus erst einmal Haselnuss. Obwohl das gar nicht so abwegig ist, denn Fraßspuren an Haselnüssen können zu dem kleinen Kletterkünstler führen. Gleiches gilt für die Nester, welche die Haselmaus sehr kunstvoll zu bauen versteht – im Geäst von Hecken zum Beispiel, rund und so groß wie ein Tennisball. Auch in Nisthilfen und Nestschachteln polstern die Tiere ihren Schlafplatz. Das ist gut für diejenigen, die den Bestand überwachen. Seit 2010 gibt es in der Nähe von Dechow ein Monitoring-Projekt, seit 2014 ist hier auch Nora Wuttke mit von der Partie. Die Biologin hat ihre Diplomarbeit über die Haselmaus geschrieben. „Schon als ich klein war, haben mich Tiere interessiert“, sagt sie und meint damit alle Tiere. Was macht nun die besondere Begeisterung für die Haselmaus aus? „Sie ist ein unglaublicher Kletterer und ihre Nester sind wahre Kunstwerke“, sagt die Fachfrau.
Mit Knopfaugen und langem Schwanz hat die Haselmaus viel Ähnlichkeit mit einer Maus, worin sicher auch der Grund für die Namensgebung liegt. Dabei ist das Tierchen viel enger mit dem Siebenschläfer verwandt, der ebenfalls zur Familie der Bilche gehört. Und apropos schlafen: Zurzeit liegen Haselmäuse noch im Winterschlaf. Erst wenn im April die Temperaturen steigen, werden sie wieder munter und sind auf der Suche nach Knospen, Beeren und Samen im Geäst unterwegs.
Erst ein einziges Mal, sagt Nora Wuttke, ist ihr bei einem Streifzug zufällig eine Haselmaus begegnet. Sonst sieht sie die Tiere nur bei der Kontrolle der Nester im Rahmen des Monitorings. Deshalb muss sie auch ein bisschen schmunzeln, wenn ihr Spaziergänger im Thurower Wald erzählen: Haselmäuse habe ich hier schon viele gesehen. „Wahrscheinlich handelt es sich dabei um Rötelmäuse“, vermutet die Fachfrau. Aber wie bereits erwähnt: Es ist keine Familienähnlichkeit – die Rötelmaus gehört zur Familie der Wühler und ist damit gleich zwei Etagen tiefer unterwegs.
In der Roten Liste für Mecklenburg-Vorpommern wird die Haselmaus als ausgestorben oder verschollen geführt. Allerdings stammt die Erhebung von 1991, inzwischen ist die Faktenlage zum Glück eine andere. Im Nachbarland Schleswig-Holstein lautet die Einstufung „stark gefährdet“. Gründe für den Rückgang bis hin zum zeitweisen Verschwinden liegen, wie Nora Wuttke sagt, in der fehlenden Vernetzung von Habitaten. Oder anders ausgedrückt: Da die Haselmaus nicht auf dem Boden unterwegs ist, braucht sie Waldrand- und Saumstrukturen, um zu wandern, aber auch, um genügend Nahrung zu finden. Hecken sind vor diesem Hintergrund sehr wichtig. In dichten Hecken nahe Utecht und Thandorf hat Nora Wuttke ebenfalls schon Haselmaus-Nester gefunden.
Bei der Suche hat sie übrigens eine ganz besondere Helferin. Wie es dazu kam, dass ihre Hündin Ambra der wahrscheinlich erste Haselmaus-Spürhund Deutschlands wurde und viele weitere spannende Geschichten rund um den kleinen Bilch und sein Wiederauftauchen in Mecklenburg wird sie heute Abend um 19 Uhr im Grenzhus Schlagsdorf erzählen. Übrigens: Selbst in der Kinderbuchliteratur spielt die Haselmaus eine Rolle. In dem vom russischen Dichter Samuil Marschak erschaffenen „Tierhäuschen“ hat sie eine Art Wohngemeinschaft mit Frosch, Igel und Hahn. Und in der Artengemeinschaft Mecklenburgs fehlt sie zum Glück auch nicht mehr.

Mecklenburg-Magazin Schweriner Volkszeitung 2019

Römerkanne „Typ Hagenow“

Fundstücke aus den Fürstengräbern sind jetzt in der Dauerausstellung des Hagenower Museums zu sehen

Römer in Mecklenburg? Diese Frage lockte. Und so war bei Mitarbeiter Thomas Kühn in der neu gestalteten Dauerausstellung des Hagenower Museums Einfallsreichtum gefragt: Nach der gemeisterten Herausforderung, 6000 Jahre Geschichte in einem Raum von 15 Quadratmetern unterzubringen, stand nun die, auf dieser Fläche mehr als 70 Gäste zu begrüßen.

So viele waren gekommen, um einige der Funde aus den Hagenower Fürstengräbern zu sehen. Erstmals sind die Gegenstände aus der frühen römischen Kaiserzeit im Ort ihrer Entdeckung ausgestellt.
Römische Kaiserzeit, Hagenow – wäre dies ein Comic, gäbe es jetzt sicher Denkblasen mit Fragezeichen. Oder auch nicht: Die Fundstelle in Hagenow ist international und seit Langem bekannt. 1841 entdeckte ein Arbeiter an der Landstraße nach Schwerin die Überreste eines 2000 Jahre alten Begräbnisplatzes. Altertumsforscher Georg Christian Friedrich Lisch eilte herbei und begutachtete die römischen Artefakte, die ans Tageslicht gekommen waren. „Römergräber“, wie Lisch aufgrund der Herkunft vieler Funde schrieb, waren es allerdings nicht. Vielmehr handelt es sich um den Friedhof einer germanischen Bevölkerungsgruppe, die im Gebiet nordöstlich der Elbe lebte – und um einen der bedeutendsten Funde aus der Eisenzeit in Mecklenburg-Vorpommern.
Bis heute sind 18 Gräber bekannt. Eine der spektakulärsten Entdeckungen stammt aus dem Jahr 1995. Damals wurde das Grab eines vermutlich langobardischen Reiterkriegers entdeckt, der mit Waffen, Kettenhemd, Sporen und Gürtel verbrannt und in einem römischen Bronzekessel beigesetzt worden war. Anhand dieses und weiterer Funde erklärte der Archäologe Hans-Ulrich Voß nach der Runde durchs Museum in einem Vortrag die vielfältigen Beziehungen der „Hagenower“ Germanen zum Römischen Reich. Voß, heute als wissenschaftlicher Referent an der Römisch-Germanischen Kommission des Deutschen Archäologischen Instituts in Frankfurt am Main tätig, gehört zu den profunden Kennern der so genannten Fürstengräber. Er zeigte, wie dicht geknüpft das Netz römisch-germanischer Beziehungen bis in den hohen Norden war. Der langobardische Reiter aus dem1995 entdeckten Grab Nummer 9 war vermutlich als „militärischer Gastarbeiter“ im Römischen Reich tätig gewesen. Da Aufzeichnungen fehlen, beschränkt sich die Rekonstruktion der Biografie auf Spekulationen – die allerdings aufgrund der im Grab gefundenen Gegenstände einen historischen Kern haben. „Vermutlich nahm der Krieger 69 n. Chr. an der Schlacht bei Cremona in Oberitalien teil“, sagt Voß. „Damals kämpften die Germanen als Verbündete des späteren Kaisers Vespasian. Der Reiter kehrte später an die Elbe zurück, wohin er auch Gebrauchsgüter mitnahm, die in seiner Heimat nicht verfügbar waren.“
Und längst beschränkte sich der Kulturtransfer nicht nur auf mitgebrachtes Geschirr: Im Hagenower Museum sind Fragmente eines Scharniergürtels zu sehen, der verschiedene Einflüsse vereint. Röntgenaufnahmen haben auf dem beschädigten Stück die Darstellungen einer Figur mit Horn, zweier sich umarmender Personen, einer Gestalt mit Mantel und eines gehörnten Pferdes sichtbar gemacht. Sie zählen zu den frühesten Belegen einer germanischen Bildersprache – der Gürtel ist also ein germanisches Erzeugnis, das nach römischem Vorbild entstand und in einem Grab im heutigen Hagenow die Zeit überdauerte.
Zu den Schätzen aus den Fürstengräbern gehört auch eine römische Bronzekanne mit kleeblattförmiger Mündung, die am Henkel mit dem Brustbild einer Frau verziert ist. Die Kanne wird zusammen mit der Griffschale, mit der sie häufig vorkommt, als „Service Typ Hagenow“ bezeichnet. „Dieser Name gilt für alle entsprechenden Gefäße dieser Art – auch in Pompeji gefundene Kannen heißen ,Typ Hagenow‘“, sagt Voß. Das wertvolle Bronzegefäß kann im Hagenower Museum bewundert werden – genauso wie Kettenhemd, Gürtel, Sporen und Waffen des langobardischen Reiterkriegers. Interessant auch, dass die Waffen zusammen mit ihrem Träger „starben“ – sie wurden absichtlich zerstört.
Mindestens eineinhalb Jahrhunderte lang, so zeigen es die Hagenower Fürstengräber, hatten Eliten aus dieser Gegend Zugang zu römischem Metall und Ausrüstungsgegenständen. Was geschah dann? Eine Generation nach dem Tod des Reiterkriegers lehnten sich ehemals verbündete Stämme gegen das Römische Reich auf. Beim Einfall in die römische Provinz Pannonien – heute Gebiete Österreichs und Ungarns – waren in den Jahren 166/167 n. Chr. auch Langobarden dabei. Insgesamt sollen in diesen so genannten Markomannenkriegen antiken Quellen zufolge 6000 langobardische Krieger gekämpft haben.
Es ist auch der Zeitraum, in dem die über fünf, sechs Generationen genutzten Hagenower Gräber nicht mehr belegt wurden. Mit der im 4. Jahrhundert n. Chr. beginnenden Völkerwanderung verlassen auch Teile der langobardischen Bevölkerung ihre Heimat an der Niederelbe. Die Langobarden wandern in Richtung Süden und werden später in Italien sesshaft. Im Museum in Hagenow kann man ihnen jetzt auf besondere Art wieder nahekommen.

Mecklenburg-Magazin Schweriner Volkszeitung 2019

Traumland Balkonien

Reiseführer lädt zur Entdeckungsreise auf wenige Quadratmeter große Freisitze ein

Nie liegt ein fremdes Handtuch auf dem Liegestuhl. Es gibt keinen Stau bei der Anreise, keine Sprachbarrieren und keine Drängelei am Büfett. Stattdessen sagenhaft günstigen Cappuccino und jede Menge Spaß. Reiseführerspezialist Marco Polo steuert mit seinem neuen Tippgeber ein vom Massentourismus unberührtes Traumland an: den Balkon.


Normalerweise lotst Marco Polo Urlauber unter dem Motto „Reisen mit Insidertipps“ durch die weite Welt. Jetzt heißt das Motto „Zu Hause bleiben mit Insidertipps“. Das ist kein Scherz, denn der neue Reiseführer führt nach Balkonien. Von A wie Auskunft bis W wie Wetter beschreibt Autor Burkhard Müller-Ullrich Wissenswertes rund um die Quadratmeter vor der Hauswand. Sein Credo: Hier liegt jeder richtig. Der bekennende Balkonier hat den Freisitz auf seine Tauglichkeit für romantische Abende, als Spielwiese für Kinder, Sportecke, Minigarten und Partymeile untersucht. Das Urteil: Die Entfaltungsmöglichkeiten sind beinahe unbegrenzt.
Urlaub auf dem Balkon kann alles sein: Eine ruhige Stunde zwischen zwei Terminen. Ein entspanntes Wochenende ohne Uhr. Der Jahresurlaub, bei dem der Balkon nur verlassen wird, um Nachschub für den Kühlschrank und Gießwasser für die Blumen zu holen. „Das Schöne an Balkonien? Dass alles so ist, wie man es gern möchte. Lieblingsblumen, Lieblingsspeisen, Lieblingsgetränke, Lieblingshandtücher. Ein französisches Sprichwort sagt: Man wird niemals so gut bedient wie von sich selber“, beschreibt Autor Müller-Ullrich die größten Vorzüge einer Reise ins Vertraute. Dass sich dabei durchaus neue Horizonte entdecken lassen, verrät er auf insgesamt 100 Seiten. Seilbahnen bauen, Mongolisch lernen und durchs Universum streifen sind nur einige der vielen Tipps.
Dazu kommt ein bisschen Balkonkunde, denn schließlich verrät auch das Freiluftzimmer viel über seine Bewohner. Der eine hat den Gartenzwerg im Blumenkasten, der nächste den Bierkasten unter der Balustrade. Der Balkon ist eine feste Größe in der Literatur: Astrid Lindgrens Pippi Langstrumpf beherbergt ein Pferd darauf. Und Julia soll ihren Romeo von einem Balkon in Verona angeschmachtet haben. Zwar schreibt Shakespeare von einem Fenster, trotzdem ist das Liebesgeflüster als „Balkonszene“ berühmt geworden. Der Papst, die Queen und der FC Bayern München zeigen sich in mehr oder weniger regelmäßigen Abständen auf Balkonen, denn dank seiner erhöhten Position an der Gebäudefassade ist ein Balkon Kanzel und Bühne zugleich.
Das Reiseführer-Strickmuster für den Urlaub zu Hause unterscheidet sich nicht von denen, die in die USA, nach Paris oder auf die Balearen einladen. Bewährte Rubriken wie Essen & Trinken, Feste & Events und die Frage der Übernachtung werden für Balkonien genauso erörtert wie sportliche Aktivitäten und Ausflüge. Apropos Ausflüge: Das klingt natürlich in Verbindung mit einem Balkon gefährlich. Hier hält es Burkhard Müller-Ullrich jedoch mit dem französischen Literaten Marcel Proust, der die Kunst des virtuellen Ausflugs pflegte und zwar die Eisenbahnkursbücher seiner Zeit studierte, es jedoch vermied, einen Zug tatsächlich zu benutzen. So wird das ganze Reiseabenteuer mit einem Augenzwinkern, aber auch vielen praktischen Tipps serviert. Wer schon immer einmal wissen wollte, wie er auf dem Balkon am besten grillt oder nackt die Sonne genießt, wird hier fündig.
Natürlich ist „Balkonien“ kein Plädoyer gegen das Verreisen. Es schärft nur den Blick für einen Genuss, der fast immer in Reichweite ist. Und da kann es schon passieren, dass der Balkon einem nervigen Urlaub mit Stau, Streit und Hitze den Rang abläuft.

Wochenend-Magazin, Schweriner Volkszeitung

Fußballhasser

Donnerstag, 22. Juni. 14 Uhr.

Tschechien gegen Italien. Mein Mann ist aufgeregt wie ein kleiner Junge. Deshalb verlässt er schon um 14 Uhr das Haus und trifft sich mit seinen Sandkastenkumpels irgendwo in der Stadt, um das Spiel zu gucken. Und ich blättere in den Ratschlägen für Fußballmuffel. Günter Netzers Frau Elvira empfiehlt: Laden Sie Freundinnen zum Kaffeeklatsch.


Tolle Idee! Ich werde meine Nachbarinnen anrufen und großzügig darüber hinweghören, wenn sich die Gespräche um Kinder und ums Kochen drehen. Denn heute hilft mir alles, was vom Fußball ablenkt.

16.30 Uhr: Seit zwei Stunden quasseln sie über die WM. Brigitte kann plötzlich die Abseitsregel erklären. Und Susi findet italienische Fußballer soooo süß! Ich will endlich wieder über Kochrezepte reden!

Bewertung: Klassisches Eigentor!

Sonnabend, 24. Juni. 14 Uhr.

Heute Nachmittag ist das erste Achtelfinale. Deutschland gegen Schweden. Mit meinem Mann muss ich also nicht rechnen. Am liebsten würde ich zu Hause bleiben, denn die lautstarke Euphorie überall in der Stadt geht mir langsam auf den Geist. Aber das Wetter ist dafür viel zu gut.

15 Uhr: Ich fahre mit den Kindern in den Zoo. Da trifft man Familien und keine singenden Fans. Und die Viecher halten wenigstens die Klappe.

16 Uhr: Zoo ist super. Lachende Kinder, lächelnde Mütter. Einige frustriert aussehende Familienväter, die hoffen, dass sie Afrika und Südamerika bis zum Anstoß um 17 Uhr durchquert haben, diskutieren vor der Pinguinanlage Schwedens Chancen gegen Deutschland. Gut, dass sie her keine Elche haben, die würden wahrscheinlich Depressionen kriegen.

Bewertung: Klasse Idee. Wir sind ganz entspannt und sehen den Affen zu, die sich um einen Apfel streiten. Warum nur muss ich plötzlich an Fußball denken?

Sonntag, 25. Juni, 14 Uhr.

England-Ecuador. Eine gute Gelegenheit, das so lange versprochene Kaffeetrinken bei Großtante Pauline über die Bühne zu bringen. Nach 90 Minuten dreht sich alles in meinem Kopf. Ich weiß jetzt, dass sich Frau Müller scheiden lässt und das Haus bekommt und der Mann mit der Sekretärin durchgebrannt ist. Was ich nicht weiß: Wer ist Frau Müller und warum ist der Mann mit der Sekretärin durchgebrannt? Denn das kann sich keiner erklären. Aber Tante Pauline freut sich. Und zwitschert über den Rand ihrer Kaffeetasse: In Zukunft kannst du doch häufiger mal vorbeischauen!

Bewertung: Das Spiel England-Ecuador war bestimmt gar nicht so schlecht!

Montag, 26. Juni.

8 Uhr: Zum Glück muss ich heute länger arbeiten. Da kann ich das Achtelfinale Italien – Australien wenigstens sinnvoll überbrücken.

9 Uhr: Auf meinem Schreibtisch steht ein Fernseher. Mein Kollege dreht mit vollem Körpereinsatz an den Knöpfen, aber mehr als eine flimmernde Wiese hat er noch nicht auf den Bildschirm geholt.

13 Uhr: Mittagspause. Mein Kollege ruft mir hinterher, dass ich Chips mitbringen soll. Der spinnt wohl! Aber er erklärt mit auch gleich, warum er nicht selbst gehen kann. Er muss in der Pause dringend nochmal zum Fernsehfritzen im Nachbarort und eine Zimmerantenne kaufen.

Bewertung: Ich finde es echt gruslig, was Männer alles für Fußball tun.

Dienstag, 27. Juni.

16.30 Uhr: Ich gehe zum Friseur. Nicht etwa, weil ich die Hoffnung habe, meinen Mann vom Fernseher abzulenken. Das würde nicht mal klappen, wenn ich mir schwarz-rot-goldene Strähnchen machen lasse oder die Frisur von Günter Netzer. Ich will einfach mal was für mich tun.

17.30 Uhr: Im Salon hängt eine Deutschlandfahne. Eine Kollegin ist gerade losgefahren, um nach Dienstschluss Deutschland-Trikots für alle zu kaufen – sozusagen als Dienstkleidung fürs Viertelfinale. Das Wasser plätschert über meine Ohren, so dass ich das Radio im Salon nebst Fußballübertragung nur gedämpft wahrnehme. Schade, dass ich mir nicht 90 Minuten lang die Haare waschen lassen kann. Aber vielleicht darf ich nachher noch unter die Trockenhaube.

Bewertung: Augen zu und durch. Wichtiger ist, dass die Haare liegen.

Wochenend-Magazin, Schweriner Volkszeitung

Acht Lichter zu Chanukka

Juden feiern in diesen Tagen das Tempelweihfest

Nicht alle Menschen feiern Weihnachten. Denn es ist ein christliches Fest. und spielt in anderen Religionen keine Rolle. Im Haus der jüdischen Gemeinde in Schwerin steht deshalb kein Weihnachtsbaum. Man wünscht sich auch kein frohes Fest oder zündet am Adventssonntag Kerzen an. Denn das alles gehört zu Weihnachten.
Doch halt: die Kerzen nicht. Denn die Juden feiern in diesen Tagen ihr Lichterfest Chanukka.


Und da gehören Kerzen unbedingt dazu. Warum das so ist, erklärt William Wolff. Er ist Landesrabbiner von Mecklenburg-Vorpommern. Ein Rabbiner hat ähnliche Aufgaben wie der Pastor in einer christlichen Kirche. Er kümmert sich um seine Gemeinde, hält die Gottesdienste, spricht bei Hochzeiten oder Beerdigungen. Und er ist ein Gelehrter, der viel über die Geschichte des Judentums weiß, das zu den ältesten Weltreligionen gehört und viel älter ist als das Christentum.
„Chanukka bedeutet Weihung. Das Fest geht nämlich auf ein historisches Ereignis zurück, das vor mehr als 2000 Jahren stattfand“, erzählt Rabbiner Wolff. Damals lebten die Juden in Palästina unter fremder Herrschaft und die Machthaber verboten ihnen ihre jüdischen Regeln und Bräuche. Doch eine kleine Gruppe unter Führung eines Mannes namens Judas Makkabäus wagte den Aufstand und vertrieb die große Armee des syrischen Herrschers. Anschließend wurde der Tempel in Jerusalem neu geweiht. Der Überlieferung nach fanden die Männer dort jedoch nur einen unversehrten Krug mit Öl, das man als Brennstoff für den Tempelleuchter brauchte. Dieser Krug hätte lediglich für einen Tag gereicht. Wie durch ein Wunder brannte das Licht aber acht Tage lang, so lange, bis neues geweihtes Öl hergestellt werden konnte.
Dieses Wunders gedenken die Juden noch heute mit dem Chanukka-Fest. An acht Tagen im Kislew – so heißt der Monat, der nach unserem Kalender in die Zeit November/Dezember fällt – zünden sie Kerzen auf dem Chanukka-Leuchter an. Jeden Abend kommt eine Kerze dazu, so dass am achten Tag alle Lichter brennen. „Das zu tun ist im Judentum jedermanns und jederfraus Pflicht“, sagt William Wolff. Er selbst besitzt einen Chanukka-Leuchter, der ihn schon sein Leben lang begleitet. „Mein Zwillingsbruder und ich haben zum dritten Geburtstag jeder einen solchen Leuchter bekommen“, erinnert sich der Rabbiner, der 1927 in Berlin geboren wurde. Als seine Familie 1933 vor den Nazis in die Niederlande floh und 1939 von dort nach England auswanderte, hatte William Wolff den kleinen Leuchter im Gepäck. Genauso, als er 2002 nach Deutschland zurückkehrte.
Mit gut 2000 Jahren ist das Chanukka-Fest aber eines der jüngsten in der jüdischen Kultur. „Und eines der unwichtigsten, weil es nicht aus der Bibel stammt“, erklärt William Wolff. Die Juden nennen ihre Heilige Schrift Thora. Diese Thora umfasst die so genannten fünf Bücher Mose, mit denen auch der ältere Teil der christlichen Bibel beginnt. Daran kann man gut erkennen, dass Judentum und Christentum gemeinsame Wurzeln haben.
In Mecklenburg-Vorpommern leben heute rund 1700 Juden, in Schwerin und Rostock gibt es jüdische Gemeinden. Die meisten ihrer Mitglieder kommen aus Osteuropa, zum Beispiel aus Russland. So ist in den vergangenen Jahren wieder jüdisches Leben in unserem Land entstanden. Denn nach der Herrschaft der Nazis, die sechs Millionen Juden ermordeten, waren nach 1945 nur wenige Menschen jüdischen Glaubens hierher zurückgekehrt.
Bald soll Schwerin auch eine neue Synagoge erhalten. So heißt das Gebetshaus, in dem die Juden ihre Gottesdienste feiern. Die aktive Schweriner Gemeinde, zu der viele Kinder und Jugendliche gehören, hat dann endlich genügend Platz.
Und was Chanukka betrifft, so mischen sich manchmal auch Traditionen. So ist es längst Brauch, den Kindern zu diesem „Lichterfest“ kleine Geschenke zu machen. „In meiner Kindheit geschah das am ersten Abend von Chanukka“, erinnert sich William Wolff. Es gibt aber auch jüdische Familien, in denen die Kinder jeden Abend ein kleines Geschenk erhalten – acht Tage lang.

Kinderseite, Schweriner Volkszeitung

Säule, Säule, du musst wandern…

Wolfram Kastner und Christian Lehsten fotografieren eine Säule in Deutschland – zwischen Neuschwanstein und dem Brandenburger Tor

Zwei Männer. Eine Säule. 150 Orte in ganz Deutschland. Das ist die bisherige Bilanz eines Schaffensprozesses, der den Aktionskünstler Wolfram Kastner und den Fotografen Christian Lehsten mit einer Säule im Gepäck seit Jahren durchs Land führt. Sie fotografieren den Pfeiler an verschiedenen Orten und öffnen so neue Blicke auf Gewohntes.


Die Fotoausstellung „Säulenordnung“ ist an diesem Wochenende in Rothen bei Sternberg zu sehen.

Die weiße Plastik-Säule ist 1,67 Meter hoch. Das ist menschliches Durchschnittsmaß, das zum Maßstab wird. Und das zeigt, dass Größe eine Frage der Betrachtung ist: Auf einem Foto, aufgenommen an der BMW-Zentrale in München, dominiert die Säule den Hochhausturm der Autobauer. Vor dem Brandenburger Tor muss der Betrachter den zusätzlichen Pfeiler dagegen erst suchen: Geradezu winzig erscheint er in seinem menschlichen Format neben den 15 Meter hohen Säulen des Berliner Wahrzeichens.
„Genau diese Wirkung ist beabsichtigt“, sagt Fotograf Christian Lehsten, der im mecklenburgischen Rothen bei Sternberg zu Hause ist. Die besuchten Orte verändern sich durch die Säule: Sie ist Ausrufezeichen und Schlussstrich, Messlatte und Zeigefinger. Der Aktionskünstler Wolfram Kastner und Christian Lehsten haben den Pfeiler seit Jahren regelmäßig im Reisegepäck: „Kastner trägt die Säule, ich den Fotoapparat. Die Motive wählen wir zusammen aus“, sagt Lehsten. „Wir sitzen dann lange zusammen und machen lange Listen, wo die Säule stehen kann.“
Sie stand bereits am Reichstag und auf dem Alexanderplatz, stürzte im Schweinegehege, lag auf einem Friedhof. Der Weg der Säulenwanderer provoziert – zum Nachdenken, aber auch zu Widerspruch. „Einige Jahre nach der Wende fotografierten wir die Säule am Marx-Engels-Denkmal in Berlin“, erinnert sich Lehsten. „Die Säule lehnte leicht gekippt am Denkmal, als ein älteres Ehepaar kam. Es war der 8. März, die Frau trug eine Nelke in der Hand. Und der Mann schimpfte: Das ist ja barbarisch! Eine Verschandelung!“ Der Fotograf sprach den Erbosten an, erklärte die Aktion. „Es ergab sich eine ungeheuer spannende Diskussion und später schrieb mir der Mann einen Brief, in dem er sich für sein Schimpfen entschuldigte“, erzählt der Rothener. Diese Begegnungen und Gespräche machen das Projekt aus, das Objekt wird zur Säule des Anstoßes.
Manchmal auch mit ganz kuriosen Folgen: Als Lehsten und Kastner mit der Säule über der Schulter Schloss Neuschwanstein verließen, mussten sie eine Brücke passieren, auf der sich zahlreiche Japaner drängten. Deren Entsetzen war greifbar: „Sie haben wohl wirklich gedacht, wir bauen jetzt Neuschwanstein ab“, lacht Lehsten. Der Fototermin auf der Toilette eines Münchner Biergartens, der erst von der Geschäftsleitung genehmigt werden musste, zählt ebenfalls in diese Kategorie.
Und die Säulenwanderung geht weiter. Von Süddeutschland bis nach Berlin haben sich Kastner und Lehsten bereits vorgearbeitet, jetzt steht der Norden offen.
Die Säule wird also weiter neue Sichten offenbaren. Dafür ist sie wie kaum ein anderes Objekt geeignet: Säulen sind Grundelemente der Architektur, schon die ersten Baumeister nutzten sie in ihren Gebäuden. Die Säule als „Pfeiler der Macht“ ziert Tempel, Portale und Paläste. „Sie ist das architektonische Bindeglied des Menschen zum Himmel“, sagt Christian Lehsten.
Wünsche sind beim Duo Lehsten/Kastner natürlich noch offen. So würden beide die Säule gern auch jenseits der Landesgrenzen aufstellen. „Washington zum Beispiel ist ein ungeheuer ,versäulter‘ Ort, das würde reizen“, sagt Lehsten. Und ein großer Traum ist es natürlich auch, einmal Säulen nach Athen zu tragen.

Wochenend-Magazin, Schweriner Volkszeitung