Texte Katja Haescher

Auswahl an Beiträgen von Katja Haescher.

Alles andere als süss

Tobias Foedisch, 24, Konditor +++ ist für seine Torten über Parchims Grenzen hinaus bekannt +++ spielt und hört gern Metal +++ mag es luftig und lecker

Ein Backbuch? Nö!!! Das sagt Tobias Foedisch so, dass die drei Ausrufezeichen förmlich zu hören sind. Rezeptbücher, in denen steht, eine Messerspitze hiervon, ein Teelöffel davon, die könne er nicht leiden. Der junge Konditor steht in der Konditorei der Lewitz-Werkstätten in Parchim und arbeitet an einem Traum aus Erdbeeren und weißer Schokoladenmousse. Sein Rezept ist einfach: Er kennt die Grundlagen, weiß, was wie schmeckt, welche Frucht wie viel Säure hat – und schon ist der Weg frei für immer neue Tortenkreationen.

Tobias Foebisch

Tobias Foebisch fotografiert von
Katja Haescher

„Ich wollte einen Beruf, in dem ich etwas Eigenes machen kann“, sagt der Parchimer. Und da er für süße Sachen schon immer zu haben war, hängte er eine Ausbildung zum Konditor an seinen Schulabschluss.

„Damals war ich viel mit meiner Band unterwegs und wollte nicht weg aus Parchim“, erzählt er. Er schaute sich nach einem Job um. So bewarb er sich auch bei den Lewitz-Werkstätten. Den Betrieb kannte er gut, denn sein behinderter Zwillingsbruder arbeitet hier. Nach dem ersten „Nein, danke“ kam dann doch die Einladung zum Vorstellungsgespräch. Heute sind Tobias‘ Torten in der ganzen Gegend berühmt. „Luftig und lecker müssen sie sein. Und nicht fettig und schmierig, dass man die Zunge nicht mehr vom Gaumen lösen kann.“ Auf den Tisch kommen die Meisterwerke der Konditorkunst im Café Würfel, das von den Lewitz-Werkstätten betrieben wird und über Parchim hinaus einen guten Ruf genießt. Über die Qualität stimmen die Gäste dort mit der Kuchengabel ab – und deshalb ist es für den jungen Konditor Ehrensache, jeden Tag süße Bestseller und neue Kreationen aus der Backstube zu schicken. Weil auch Kuchen für Familienfeiern bei Tobias Foedisch bestellt werden können, gehen an manchen Tagen bis zu 20 Torten raus. Trotzdem kann der 24-Jährige zu Hause und am Wochenende die Finger nicht von süßen Sachen lassen.
Ein einfacher Blechkuchen, bestehend aus einer Sandmasse, mit einer Decke aus Schokolade und je nach Jahreszeit verschiedenen Gewürzen geht immer und schnell, meint Tobias, der leidenschaftlich gern Kuchen isst und nach eigenen Aussagen nach zwei Tagen des Zuckerentzugs gnatzig wird. Der schlanke junge Mann, der in der Konditorei die langen Haare zum Pferdeschwanz bindet und unter einem Basecap versteckt, beschäftigt sich seit Jahren intensiv mit Lebensmitteln und Zubereitungsarten. Er fährt viel umher und nutzt dabei jede Gelegenheit, aus anderen Töpfen zu probieren. Gutes Essen verbindet Tobias mit Leidenschaft und Genuss – da sind kleine Sünden wie süße Tortenträume inklusive.

An den Torten zeigt sich auch, dass Tobias Foedisch keiner ist, der mit dem Strom schwimmt. Das zeigt sich genauso bei seiner zweiten großen Leidenschaft, der Musik. Seine Vorliebe hier ist alles andere als süß und der Bandname „Trail of Blood“ zeigt, wohin die musikalische Reise geht: in Richtung Melodic-Trash-Metal. Die Gruppe, in der Tobias – hier besser als Foet‘n bekannt – seit mehreren Jahren Bass spielt, nimmt schon das dritte Studioalbum auf. Damit wollen die Jungs nach einer ruhigeren Zeit wieder richtig durchstarten. Dass Trail of Blood in der Szene mehr als ein Geheimtipp ist, zeigt sich daran, dass Tobias manchmal sogar in Schwerin und Rostock auf der Straße erkannt wird.

Metal und Torten – so groß ist der Unterschied gar nicht, sagt der Mann mit dem Notenschlüssel-Tattoo auf dem Unterarm. „Beides braucht meine Kreativität. Das eine, weil es gut aussehen und das andere, weil es sich gut anhören soll.“ Und so macht er weiter und freut sich, wenn immer mehr Menschen auf den Geschmack kommen.

Broschüre der Lewitz-Werkstätten, 2015

Traumland Balkonien

Reiseführer lädt zur Entdeckungsreise auf wenige Quadratmeter große Freisitze ein

Nie liegt ein fremdes Handtuch auf dem Liegestuhl. Es gibt keinen Stau bei der Anreise, keine Sprachbarrieren und keine Drängelei am Büfett. Stattdessen sagenhaft günstigen Cappuccino und jede Menge Spaß. Reiseführerspezialist Marco Polo steuert mit seinem neuen Tippgeber ein vom Massentourismus unberührtes Traumland an: den Balkon.

Normalerweise lotst Marco Polo Urlauber unter dem Motto „Reisen mit Insidertipps“ durch die weite Welt. Jetzt heißt das Motto „Zu Hause bleiben mit Insidertipps“. Das ist kein Scherz, denn der neue Reiseführer führt nach Balkonien. Von A wie Auskunft bis W wie Wetter beschreibt Autor Burkhard Müller-Ullrich Wissenswertes rund um die Quadratmeter vor der Hauswand. Sein Credo: Hier liegt jeder richtig. Der bekennende Balkonier hat den Freisitz auf seine Tauglichkeit für romantische Abende, als Spielwiese für Kinder, Sportecke, Minigarten und Partymeile untersucht. Das Urteil: Die Entfaltungsmöglichkeiten sind beinahe unbegrenzt.
Urlaub auf dem Balkon kann alles sein: Eine ruhige Stunde zwischen zwei Terminen. Ein entspanntes Wochenende ohne Uhr. Der Jahresurlaub, bei dem der Balkon nur verlassen wird, um Nachschub für den Kühlschrank und Gießwasser für die Blumen zu holen. „Das Schöne an Balkonien? Dass alles so ist, wie man es gern möchte. Lieblingsblumen, Lieblingsspeisen, Lieblingsgetränke, Lieblingshandtücher. Ein französisches Sprichwort sagt: Man wird niemals so gut bedient wie von sich selber“, beschreibt Autor Müller-Ullrich die größten Vorzüge einer Reise ins Vertraute. Dass sich dabei durchaus neue Horizonte entdecken lassen, verrät er auf insgesamt 100 Seiten. Seilbahnen bauen, Mongolisch lernen und durchs Universum streifen sind nur einige der vielen Tipps.
Dazu kommt ein bisschen Balkonkunde, denn schließlich verrät auch das Freiluftzimmer viel über seine Bewohner. Der eine hat den Gartenzwerg im Blumenkasten, der nächste den Bierkasten unter der Balustrade. Der Balkon ist eine feste Größe in der Literatur: Astrid Lindgrens Pippi Langstrumpf beherbergt ein Pferd darauf. Und Julia soll ihren Romeo von einem Balkon in Verona angeschmachtet haben. Zwar schreibt Shakespeare von einem Fenster, trotzdem ist das Liebesgeflüster als „Balkonszene“ berühmt geworden. Der Papst, die Queen und der FC Bayern München zeigen sich in mehr oder weniger regelmäßigen Abständen auf Balkonen, denn dank seiner erhöhten Position an der Gebäudefassade ist ein Balkon Kanzel und Bühne zugleich.
Das Reiseführer-Strickmuster für den Urlaub zu Hause unterscheidet sich nicht von denen, die in die USA, nach Paris oder auf die Balearen einladen. Bewährte Rubriken wie Essen & Trinken, Feste & Events und die Frage der Übernachtung werden für Balkonien genauso erörtert wie sportliche Aktivitäten und Ausflüge. Apropos Ausflüge: Das klingt natürlich in Verbindung mit einem Balkon gefährlich. Hier hält es Burkhard Müller-Ullrich jedoch mit dem französischen Literaten Marcel Proust, der die Kunst des virtuellen Ausflugs pflegte und zwar die Eisenbahnkursbücher seiner Zeit studierte, es jedoch vermied, einen Zug tatsächlich zu benutzen. So wird das ganze Reiseabenteuer mit einem Augenzwinkern, aber auch vielen praktischen Tipps serviert. Wer schon immer einmal wissen wollte, wie er auf dem Balkon am besten grillt oder nackt die Sonne genießt, wird hier fündig.
Natürlich ist „Balkonien“ kein Plädoyer gegen das Verreisen. Es schärft nur den Blick für einen Genuss, der fast immer in Reichweite ist. Und da kann es schon passieren, dass der Balkon einem nervigen Urlaub mit Stau, Streit und Hitze den Rang abläuft.

Wochenend-Magazin, Schweriner Volkszeitung

Mit Bienenfleiß und Begeisterung

Schauimkerei Neumann aus Plau am See stellt naturreinen Honig her und wirbt gleichzeitig für eine touristisch attraktive Region

So mancher Plauer hat Reinhard Neumanns Vornamen längst vergessen. Der Imker aus dem Ortsteil Quetzin ist bei vielen Nachbarn unter dem Spitznamen „Biene“ bekannt. Der passt auch bestens, denn der 63-Jährige hält nicht nur tausende der emsigen Honigsammlerinnen, er ist auch genauso fleißig.

Gleich nach der Wende, im Jahr 1990, begannen Regina und Reinhard Neumann mit dem Aufbau ihrer Schau-Imkerei. Die heißt so, weil Besucher hier zum Schauen herzlich willkommen sind. Seitdem sind ein Bienenweidegarten, ein Bienenmuseum und ein Imkereifachgeschäft, ein Streichelgehege und ein Ferienhaus mit zwei Wohnungen für einen Urlaub inmitten wunderbarer Natur entstanden. Herzstück des Betriebs ist natürlich die traditionelle Bienenzucht: 300 Völker liefern den Rohstoff für bis zu 15 verschiedene Honigsorten. „Besonders beliebt ist unser Kornblumenhonig, der wie alle anderen Sorten kalt geschleudert wird“, erklärt Reinhard Neumann. So bleiben die gesundheitsfördernden Inhaltsstoffe des Honigs und seine Vitamine erhalten. Auch mit Blütenhonig aus Raps, Klee und Sonnenblume, Obstblüte, Heide und Akazie versüßen die Neumanns und ihre Bienen anderen das Leben. Dafür sind die Sammlerinnen im gestreiften Kleid sogar motorisiert unterwegs: Die Imkerei verfügt über 16 Wanderwagen, die in der Mecklenburgischen Seenplatte auf den Anbauflächen der verschiedenen Trachten abgestellt werden.
Zwischen zehn und fünfzehn Tonnen naturreinen Honig ernten die Neumanns jedes Jahr. Diesen goldenen Schatz vermarkten sie direkt in Gläsern oder weiterverarbeitet als Honigwein und Honigbier. Auch selbst gemachter Bärenfang und Eierlikör mit Honig gehören zum Angebot. „Wer Honig beim Imker kauft, kann sicher sein, ein hervorragendes Produkt zu bekommen. Deutscher Honig unterliegt nämlich strengen Qualitätskriterien und ist deshalb auch international begehrt“, sagt Reinhard Neumann, der mit seinem Unternehmen Mitglied der Honigerzeugergemeinschaft Mecklenburg-Vorpommern ist. Weil Honigbienen auch für Ökologie und Ökonomie – zum Beispiel im Obstbau – eine wichtige Bedeutung haben, unterstützt die Schau-Imkerei den Imkernachwuchs. Neun Schüler der fünften und sechsten Klassen arbeiten zurzeit in der Interessengemeinschaft „Junge Imker“ mit.
Übrigens kommen bei den Neumanns nicht nur Naschkatzen auf ihre Kosten: Honig kann nämlich viel mehr. Er ist zum Beispiel Grundlage für Kosmetika wie Seifen, Shampoos und Duschgels. Außerdem sind Bienenprodukte als Naturheilmittel anerkannt. Propolis, das Kittharz der Bienen, wirkt zum Beispiel antibakteriell, regt Herz und Kreislauf an und erhöht Vitalität und Widerstandskraft.
Imker Neumann kann über diese und viele weitere Dinge reden wie ein wandelndes Lehrbuch. Der Diplom-Landwirt verfolgt aufmerksam die Forschungen zur Heilkraft von Bienenprodukten. Die so genannte Apitherapie, die in der alternativen Medizin eine wichtige Rolle spielt, fasziniert ihn seit vielen Jahren. Dieses Wissen gibt der Fachmann gern weiter. In der Schauimkerei, die im Jahr bis zu 9000 Besucher zählt, auf Märkten und Ausstellungen ist Neumann in ständigem Kontakt mit seinen Kunden. Welche Produkte am besten ankommen, erfährt er so aus erster Hand. Die Kunden wiederum erleben, mit welcher Begeisterung bei Neumanns Honig gemacht wird. Denn wenn Reinhard Neumann über Bienen und ihre Produkte spricht, gerät er regelmäßig ins Schwärmen.
Davon dürfen sich 2010 erneut auch die Besucher der Grünen Woche überzeugen. „Biene“ Neumann ist auf dieser Ausstellung schon ein alter Hase: Zum elften Mal wirbt der Plauer Imker auf der weltweit größten Messe für Ernährung, Landwirtschaft und Gartenbau dafür, sich die Vorzüge naturbelassenen Honigs auf der Zunge zergehen zu lassen. Nicht zuletzt kommt sein Honig aus einer Ecke, die zu den schönsten Mecklenburgs gehört. Der Naturpark Nossentiner/Schwinzer Heide und mehrere Naturschutzgebiete liegen direkt vor der Haustür der Schauimkerei Neumann, deren Bienen durch diese traumhafte Landschaft summen. Und so ist ein Glas Honig aus der Mecklenburgischen Seenplatte ein Stück intakte Natur zum Mitnehmen und Genießen.

Die Internationale Grüne Woche Mecklenburg-Vorpommern im Netz

Hinter Schweriner Fassaden

Das Kücken-Haus ist eines der schönsten Gebäude am Pfaffenteich und heute Sitz des ZDF

Wer kennt das nicht: Da steht ein schönes Haus in der Straße, hundertmal und mehr ist man schon vorbeigegangen. Aber was verbirgt sich hinter der Fassade? Welche Geschichten stecken hinter den Mauern, wer geht hier ein und aus? Denn schließlich sind Geschichten von Häusern immer auch Geschichten von Menschen.

In dieser Serie wollen wir gemeinsam mit Ihnen hinter Fassaden blicken. Heute am Pfaffenteich, wo die Kücken-Stiftung an einen ganz besonderen Schweriner erinnert.

Im Vorgarten des Gebäudes an der Ecke August-Bebel-Straße/Friedrichstraße steht die Büste eines ernst dreinblickenden Herrn. Ein bisschen finster schaut er auf das Treiben zu Füßen seines Sockels. Ob Friedrich Wilhelm Kücken, immerhin Sohn des letzten Scharfrichters aus Bleckede im Landkreis Lüneburg, wirklich so grimmig war? Sicher trügt das Bild. Denn Kücken ist auch der Komponist des beschwingten Volksliedes „Ach wie ist es möglich dann“ und der Stifter, der mit seinem Vermögen mittellose junge Musiker unterstützte. 2010 jährt sich sein Geburtstag zum 200. Mal.
Heute ist aus dem Haus des Musikers ein Zentrum der Kommunikation und Gastlichkeit geworden. 1995, genau 100 Jahre nachdem der bekannte Mecklenburger Bildhauer Ludwig Brunow die Büste des Komponisten für den Vorplatz des Hauses schuf, zog das ZDF-Landesstudio in die zuvor aufwändig sanierte Kücken-Stiftung. Im Erdgeschoss befindet sich das Restaurant „Friedrichs“.
Bereits 1991 erwarb der öffentlich-rechtliche Sender das große Eckhaus – ein Glücksfall für die Stadt. Denn das markante neoklassizistische Gebäude, damals als Wohnhaus genutzt, gehört zu den schönsten am Pfaffenteich. Zur Wendezeit war es in einem baulich desolaten Zustand. Schatzsuchern gleich legten Bauleute, Architekten und Denkmalpfleger in den folgenden Monaten historische Strukturen frei und rückten Altes in neues Licht. Sie entfernten nachträglich vorgenommene Einbauten, so dass die Innenraumgestaltung im ersten Obergeschoss wieder den Eindruck des späten 19. Jahrhunderts vermittelt – natürlich mit Ausnahme der vielen modernen Technik in den Büros des ZDF. „Es war Anliegen unseres Hauses, in den neuen Bundesländern denkmalgeschützte Gebäude für die Landesstudios zu erwerben“, sagt Sylvia Bleßmann, seit zwölf Jahren Redakteurin im Landesstudio und seit 2007 Studioleiterin. Das historische Intarsien-Parkett ihres Büros und den schönen Ausblick auf Pfaffenteich und Arsenal genießt sie in der raren Zeit, die sie hier verbringt. Denn die Studioleiterin ist wie die anderen Redakteure viel im Land unterwegs, um für das ZDF zu berichten. Rund 500 Magazin-Beiträge im Jahr kommen aus dem Studio Mecklenburg-Vorpommern.
Die ZDF-Mitarbeiter bemühen sich sehr, den Originalzustand ihrer historischen Schweriner Räume zu erhalten. So gibt es zum Beispiel keine an die Wände geschraubten Regale und lediglich die Technikräume sind ein Zugeständnis an die Erfordernisse des Arbeitsalltags.
Apropos Arbeitsalltag. Der sieht beim Mieter im Erdgeschoss, dem Restaurant „Friedrichs“, völlig anders aus. Trotzdem sind auch hier die historischen Räume Teil des Konzepts. „Wenn Gäste beim Abschied sagen: ,Wir haben selten etwas Vergleichbares gesehen‘, dann freut uns das sehr“, sagt Inhaber Jürgen Glüsing. Er hat schon oft erlebt, dass sich Besucher nach der Geschichte des Hauses erkundigen. Deshalb hat Glüsing auch für die Internetseite des Restaurants Auskünfte zum berühmtesten Bewohner zusammengetragen.
Das Gebäude der Kücken-Stiftung war eines der ersten, das 1868 am südöstlichen Ufer des Pfaffenteiches entstand. Der Bauherr, Hoftischlermeister Peters, vermietete hier Wohnungen an gutsituierte Bürger der Stadt – so auch an Friedrich Wilhelm Kücken. Der 1810 geborene Komponist erhielt schon als Kind Klavierunterricht. Der Schweriner Musikdirektor und Schlossorganist Friedrich Lührß entdeckte und förderte sein Talent. Der junge Friedrich studierte in Berlin Komposition und Gesang und arbeitete danach in der Schweiz, in Wien, Paris und Stuttgart. Er vertonte zahlreiche Liedtexte und brachte 1847 in Stuttgart seine Oper „Der Prätendent“ zur Aufführung. Bis 1861 dirigiert er als erster Hofkapellmeister in der Stadt am Neckar, dann kehrt er nach Schwerin zurück. Hier kaufte Kücken nach einigen Jahren das Gebäude am Pfaffenteich, das später in den Besitz der von ihm gegründeten Stiftung überging. In seinem Testament hatte der Komponist verfügt, in dem Haus mittellose junge Musiker unterzubringen und zu beköstigen.
Kücken starb an einem Apriltag 1882. Er hatte im Garten die Rosen beschnitten und wollte mit der Pferdebahn zurück nach Hause fahren. In der Bahn entdeckte ihn der Schaffner leblos – die Zigarre noch in der Hand. Kückens Grab befindet sich auf dem Alten Friedhof in Schwerin.

Schwerin Live – Das Magazin für die Landeshauptstadt Schwerin im Netz, Serie Hinter Schweriner Fassaden

Fußballhasser

Donnerstag, 22. Juni. 14 Uhr.

Tschechien gegen Italien. Mein Mann ist aufgeregt wie ein kleiner Junge. Deshalb verlässt er schon um 14 Uhr das Haus und trifft sich mit seinen Sandkastenkumpels irgendwo in der Stadt, um das Spiel zu gucken. Und ich blättere in den Ratschlägen für Fußballmuffel. Günter Netzers Frau Elvira empfiehlt: Laden Sie Freundinnen zum Kaffeeklatsch.

Tolle Idee! Ich werde meine Nachbarinnen anrufen und großzügig darüber hinweghören, wenn sich die Gespräche um Kinder und ums Kochen drehen. Denn heute hilft mir alles, was vom Fußball ablenkt.

16.30 Uhr: Seit zwei Stunden quasseln sie über die WM. Brigitte kann plötzlich die Abseitsregel erklären. Und Susi findet italienische Fußballer soooo süß! Ich will endlich wieder über Kochrezepte reden!

Bewertung: Klassisches Eigentor!

Sonnabend, 24. Juni. 14 Uhr.

Heute Nachmittag ist das erste Achtelfinale. Deutschland gegen Schweden. Mit meinem Mann muss ich also nicht rechnen. Am liebsten würde ich zu Hause bleiben, denn die lautstarke Euphorie überall in der Stadt geht mir langsam auf den Geist. Aber das Wetter ist dafür viel zu gut.

15 Uhr: Ich fahre mit den Kindern in den Zoo. Da trifft man Familien und keine singenden Fans. Und die Viecher halten wenigstens die Klappe.

16 Uhr: Zoo ist super. Lachende Kinder, lächelnde Mütter. Einige frustriert aussehende Familienväter, die hoffen, dass sie Afrika und Südamerika bis zum Anstoß um 17 Uhr durchquert haben, diskutieren vor der Pinguinanlage Schwedens Chancen gegen Deutschland. Gut, dass sie her keine Elche haben, die würden wahrscheinlich Depressionen kriegen.

Bewertung: Klasse Idee. Wir sind ganz entspannt und sehen den Affen zu, die sich um einen Apfel streiten. Warum nur muss ich plötzlich an Fußball denken?

Sonntag, 25. Juni, 14 Uhr.

England-Ecuador. Eine gute Gelegenheit, das so lange versprochene Kaffeetrinken bei Großtante Pauline über die Bühne zu bringen. Nach 90 Minuten dreht sich alles in meinem Kopf. Ich weiß jetzt, dass sich Frau Müller scheiden lässt und das Haus bekommt und der Mann mit der Sekretärin durchgebrannt ist. Was ich nicht weiß: Wer ist Frau Müller und warum ist der Mann mit der Sekretärin durchgebrannt? Denn das kann sich keiner erklären. Aber Tante Pauline freut sich. Und zwitschert über den Rand ihrer Kaffeetasse: In Zukunft kannst du doch häufiger mal vorbeischauen!

Bewertung: Das Spiel England-Ecuador war bestimmt gar nicht so schlecht!

Montag, 26. Juni.

8 Uhr: Zum Glück muss ich heute länger arbeiten. Da kann ich das Achtelfinale Italien – Australien wenigstens sinnvoll überbrücken.

9 Uhr: Auf meinem Schreibtisch steht ein Fernseher. Mein Kollege dreht mit vollem Körpereinsatz an den Knöpfen, aber mehr als eine flimmernde Wiese hat er noch nicht auf den Bildschirm geholt.

13 Uhr: Mittagspause. Mein Kollege ruft mir hinterher, dass ich Chips mitbringen soll. Der spinnt wohl! Aber er erklärt mit auch gleich, warum er nicht selbst gehen kann. Er muss in der Pause dringend nochmal zum Fernsehfritzen im Nachbarort und eine Zimmerantenne kaufen.

Bewertung: Ich finde es echt gruslig, was Männer alles für Fußball tun.

Dienstag, 27. Juni.

16.30 Uhr: Ich gehe zum Friseur. Nicht etwa, weil ich die Hoffnung habe, meinen Mann vom Fernseher abzulenken. Das würde nicht mal klappen, wenn ich mir schwarz-rot-goldene Strähnchen machen lasse oder die Frisur von Günter Netzer. Ich will einfach mal was für mich tun .

17.30 Uhr: Im Salon hängt eine Deutschlandfahne. Eine Kollegin ist gerade losgefahren, um nach Dienstschluss Deutschland-Trikots für alle zu kaufen – sozusagen als Dienstkleidung fürs Viertelfinale. Das Wasser plätschert über meine Ohren, so dass ich das Radio im Salon nebst Fußballübertragung nur gedämpft wahrnehme. Schade, dass ich mir nicht 90 Minuten lang die Haare waschen lassen kann. Aber vielleicht darf ich nachher noch unter die Trockenhaube.

Bewertung: Augen zu und durch. Wichtiger ist, dass die Haare liegen.

Wochenend-Magazin, Schweriner Volkszeitung

Acht Lichter zu Chanukka

Juden feiern in diesen Tagen das Tempelweihfest

Nicht alle Menschen feiern Weihnachten. Denn es ist ein christliches Fest. und spielt in anderen Religionen keine Rolle. Im Haus der jüdischen Gemeinde in Schwerin steht deshalb kein Weihnachtsbaum. Man wünscht sich auch kein frohes Fest oder zündet am Adventssonntag Kerzen an. Denn das alles gehört zu Weihnachten.
Doch halt: die Kerzen nicht. Denn die Juden feiern in diesen Tagen ihr Lichterfest Chanukka.

Und da gehören Kerzen unbedingt dazu. Warum das so ist, erklärt William Wolff. Er ist Landesrabbiner von Mecklenburg-Vorpommern. Ein Rabbiner hat ähnliche Aufgaben wie der Pastor in einer christlichen Kirche. Er kümmert sich um seine Gemeinde, hält die Gottesdienste, spricht bei Hochzeiten oder Beerdigungen. Und er ist ein Gelehrter, der viel über die Geschichte des Judentums weiß, das zu den ältesten Weltreligionen gehört und viel älter ist als das Christentum.
„Chanukka bedeutet Weihung. Das Fest geht nämlich auf ein historisches Ereignis zurück, das vor mehr als 2000 Jahren stattfand“, erzählt Rabbiner Wolff. Damals lebten die Juden in Palästina unter fremder Herrschaft und die Machthaber verboten ihnen ihre jüdischen Regeln und Bräuche. Doch eine kleine Gruppe unter Führung eines Mannes namens Judas Makkabäus wagte den Aufstand und vertrieb die große Armee des syrischen Herrschers. Anschließend wurde der Tempel in Jerusalem neu geweiht. Der Überlieferung nach fanden die Männer dort jedoch nur einen unversehrten Krug mit Öl, das man als Brennstoff für den Tempelleuchter brauchte. Dieser Krug hätte lediglich für einen Tag gereicht. Wie durch ein Wunder brannte das Licht aber acht Tage lang, so lange, bis neues geweihtes Öl hergestellt werden konnte.
Dieses Wunders gedenken die Juden noch heute mit dem Chanukka-Fest. An acht Tagen im Kislew – so heißt der Monat, der nach unserem Kalender in die Zeit November/Dezember fällt – zünden sie Kerzen auf dem Chanukka-Leuchter an. Jeden Abend kommt eine Kerze dazu, so dass am achten Tag alle Lichter brennen. „Das zu tun ist im Judentum jedermanns und jederfraus Pflicht“, sagt William Wolff. Er selbst besitzt einen Chanukka-Leuchter, der ihn schon sein Leben lang begleitet. „Mein Zwillingsbruder und ich haben zum dritten Geburtstag jeder einen solchen Leuchter bekommen“, erinnert sich der Rabbiner, der 1927 in Berlin geboren wurde. Als seine Familie 1933 vor den Nazis in die Niederlande floh und 1939 von dort nach England auswanderte, hatte William Wolff den kleinen Leuchter im Gepäck. Genauso, als er 2002 nach Deutschland zurückkehrte.
Mit gut 2000 Jahren ist das Chanukka-Fest aber eines der jüngsten in der jüdischen Kultur. „Und eines der unwichtigsten, weil es nicht aus der Bibel stammt“, erklärt William Wolff. Die Juden nennen ihre Heilige Schrift Thora. Diese Thora umfasst die so genannten fünf Bücher Mose, mit denen auch der ältere Teil der christlichen Bibel beginnt. Daran kann man gut erkennen, dass Judentum und Christentum gemeinsame Wurzeln haben.
In Mecklenburg-Vorpommern leben heute rund 1700 Juden, in Schwerin und Rostock gibt es jüdische Gemeinden. Die meisten ihrer Mitglieder kommen aus Osteuropa, zum Beispiel aus Russland. So ist in den vergangenen Jahren wieder jüdisches Leben in unserem Land entstanden. Denn nach der Herrschaft der Nazis, die sechs Millionen Juden ermordeten, waren nach 1945 nur wenige Menschen jüdischen Glaubens hierher zurückgekehrt.
Bald soll Schwerin auch eine neue Synagoge erhalten. So heißt das Gebetshaus, in dem die Juden ihre Gottesdienste feiern. Die aktive Schweriner Gemeinde, zu der viele Kinder und Jugendliche gehören, hat dann endlich genügend Platz.
Und was Chanukka betrifft, so mischen sich manchmal auch Traditionen. So ist es längst Brauch, den Kindern zu diesem „Lichterfest“ kleine Geschenke zu machen. „In meiner Kindheit geschah das am ersten Abend von Chanukka“, erinnert sich William Wolff. Es gibt aber auch jüdische Familien, in denen die Kinder jeden Abend ein kleines Geschenk erhalten – acht Tage lang.

Kinderseite, Schweriner Volkszeitung

Die Queen aus Mecklenburg-Strelitz

Vor 250 Jahren wurde Sophie Charlotte an der Seite von Georg III. zur englischen Königin gekrönt

Die Stadt Charlotte im US-Bundesstaat North Carolina ist einer von mehreren Orten, der ihren Namen trägt. Eine Paradiesvogelblume aus Afrika macht als Strelitzie auch in weit entfernten Gegenden von ihrer Heimat reden. Und sie selbst ging als Königin Charlotte von England in die Geschichtsbücher ein.

Sophie Charlotte, Prinzessin aus dem Hause Mecklenburg-Strelitz, wurde am 22. September 1761 an der Seite von Georg III. zur Königin von Großbritannien gekrönt.
Das ist jetzt 250 Jahre her. Aus diesem Anlass wird in Mecklenburg-Vorpommern 2011 offiziell das „Königin-Charlotte-Jahr“ gefeiert. Zahlreiche Aktionen und Veranstaltungen werden an die Queen aus Mecklenburg-Strelitz erinnern, die 57 Jahre lang britische Königin war.
Sophie Charlotte wurde am 19. Mai 1744 in Mirow geboren. Ihr Vater, Prinz Karl von Mecklenburg, war der jüngere Halbbruder des in Mecklenburg-Strelitz regierenden Herzogs Adolf Friedrich III., ihre Mutter Elisabeth Albertine eine Tochter des Herzogs von Sachsen-Hildburghausen. Nach dem Tod des Vaters 1752 und des Onkels im gleichen Jahr wurde Sophie Charlottes Bruder Herzog von Mecklenburg-Strelitz. Die Prinzessin erhielt eine fundierte Ausbildung: Sie lernte Sprachen, Naturwissenschaften und Künste. Und sie war allem Anschein nach auch politisch interessiert: So schrieb das junge Mädchen zum Beispiel einen Brief an den preußischen König, in dem es das Verhalten seiner Armee in Mecklenburg tadelte. Das Schreiben erregte viel Aufmerksamkeit und es heißt, dass der englische König Georg III. dadurch auf die Prinzessin aus Mecklenburg-Strelitz aufmerksam wurde. Ob die Legende stimmt oder ob der junge Monarch einfach eine Gemahlin aus einem politisch unbedeutenden und neutralen Herrscherhaus brauchte, sei dahingestellt: 1761 hielt der junge König um die Hand der Strelitzer Prinzessin an. Nachdem Mutter Elisabeth Albertine Ja zur Hochzeit gesagt hatte, verließ die 17-jährige Sophie Charlotte im August 1761 Mecklenburg und reiste nach England in ihre neue Heimat. Dort heiratete sie am 8. September Georg III., König aus dem Hause Hannover, der seit 1760 auf dem britischen Thron saß. Am 22. September 1761 wurde die junge Frau an der Seite ihres Mannes in London zur Königin Charlotte gekrönt.
Schon 1762 kam Georg, der erste Sohn und Thronfolger, zur Welt. In den folgenden Jahren wurden acht weitere Söhne und sechs Töchter geboren. Die Königin kümmerte sich viel um die Erziehung ihrer Kinder. 1762 kaufte König Georg dem Herzog von Buckingham dessen Stadtpalast ab, der insbesondere Charlotte als Rückzugsort in der Hauptstadt diente und daher „Queen’s House“ genannt wurde. Als Buckingham Palace ist dieses Gebäude heute offizielle Residenz des britischen Monarchen in London.
Charlotte mischte sich nicht in die Politik ein. Sie widmete sich aber botanischen Studien und wurde deshalb auch Queen of Botany genannt. Der englische Botaniker, Naturforscher und erste Präsident der Linné-Gesellschaft Sir James Edward Smith unterrichtete die Königin und ihre Töchter in Botanik. Charlotte, die sich viel in Kew Palace, einer Residenz inmitten eines riesigen Landschaftsparkes aufhielt, interessierte sich lebhaft für die Gestaltung der dortigen botanischen Gärten. In dem Park, der heute zum UNESCO-Weltkulturerbe gehört, steht noch heute ihr Häuschen, Queen Charlotte’s Cottage. Aus aller Welt brachten Seefahrer und Naturforscher der Königin hierher Pflanzen mit. 1773 gelangte vom südafrikanischen Kap der Guten Hoffnung die Paradiesvogelblume nach England, die vom Direktor des botanischen Gartens Joseph Banks in Anlehnung an die Heimat seiner Königin den Namen „Strelitzia reginae“ erhielt. Kurz vor ihrem Tod schickte Charlotte eine solche Strelitzie nach Mecklenburg zu ihren Verwandten. 1822 blühte die Pflanze hier zum ersten Mal. Heute ist die Strelitzie die offizielle Blume der Stadt Neustrelitz.
Charlotte starb am 17. November 1818 in Kew Palace. Die letzte Zeit hatte sie mit ihrem Mann sehr zurückgezogen gelebt. Georg III. fiel in seinen letzten Lebensjahren zunehmend in geistige Umnachtung. Der König, der als „der Wahnsinnige“ bekannt ist, litt nach heutigen Erkenntnissen an einer Stoffwechselkrankheit, die die schweren Symptome auslöste. Er überlebte seine Frau jedoch um mehr als ein Jahr und starb im Januar 1820. Sein Sohn Georg IV. folgte ihm auf den Thron und regierte bis zu seinem Tod 1830. Anschließend wurde Wilhelm IV., dritter Sohn von Georg und Charlotte, König. Als dieser 1837 starb, erbte seine Nichte Victoria den Thron. Die Enkeltochter von Georg und Charlotte regierte mehr als 63 Jahre. Das britische Weltreich stand während dieser Zeit, dem „goldenen viktorianischen“ Zeitalter, in der Blüte seiner Macht.

Mecklenburg-Magazin, Schweriner Volkszeitung

Säule, Säule, du musst wandern…

Wolfram Kastner und Christian Lehsten fotografieren eine Säule in Deutschland – zwischen Neuschwanstein und dem Brandenburger Tor

Zwei Männer. Eine Säule. 150 Orte in ganz Deutschland. Das ist die bisherige Bilanz eines Schaffensprozesses, der den Aktionskünstler Wolfram Kastner und den Fotografen Christian Lehsten mit einer Säule im Gepäck seit Jahren durchs Land führt. Sie fotografieren den Pfeiler an verschiedenen Orten und öffnen so neue Blicke auf Gewohntes.

Die Fotoausstellung „Säulenordnung“ ist an diesem Wochenende in Rothen bei Sternberg zu sehen.

Die weiße Plastik-Säule ist 1,67 Meter hoch. Das ist menschliches Durchschnittsmaß, das zum Maßstab wird. Und das zeigt, dass Größe eine Frage der Betrachtung ist: Auf einem Foto, aufgenommen an der BMW-Zentrale in München, dominiert die Säule den Hochhausturm der Autobauer. Vor dem Brandenburger Tor muss der Betrachter den zusätzlichen Pfeiler dagegen erst suchen: Geradezu winzig erscheint er in seinem menschlichen Format neben den 15 Meter hohen Säulen des Berliner Wahrzeichens.
„Genau diese Wirkung ist beabsichtigt“, sagt Fotograf Christian Lehsten, der im mecklenburgischen Rothen bei Sternberg zu Hause ist. Die besuchten Orte verändern sich durch die Säule: Sie ist Ausrufezeichen und Schlussstrich, Messlatte und Zeigefinger. Der Aktionskünstler Wolfram Kastner und Christian Lehsten haben den Pfeiler seit Jahren regelmäßig im Reisegepäck: „Kastner trägt die Säule, ich den Fotoapparat. Die Motive wählen wir zusammen aus“, sagt Lehsten. „Wir sitzen dann lange zusammen und machen lange Listen, wo die Säule stehen kann.“
Sie stand bereits am Reichstag und auf dem Alexanderplatz, stürzte im Schweinegehege, lag auf einem Friedhof. Der Weg der Säulenwanderer provoziert – zum Nachdenken, aber auch zu Widerspruch. „Einige Jahre nach der Wende fotografierten wir die Säule am Marx-Engels-Denkmal in Berlin“, erinnert sich Lehsten. „Die Säule lehnte leicht gekippt am Denkmal, als ein älteres Ehepaar kam. Es war der 8. März, die Frau trug eine Nelke in der Hand. Und der Mann schimpfte: Das ist ja barbarisch! Eine Verschandelung!“ Der Fotograf sprach den Erbosten an, erklärte die Aktion. „Es ergab sich eine ungeheuer spannende Diskussion und später schrieb mir der Mann einen Brief, in dem er sich für sein Schimpfen entschuldigte“, erzählt der Rothener. Diese Begegnungen und Gespräche machen das Projekt aus, das Objekt wird zur Säule des Anstoßes.
Manchmal auch mit ganz kuriosen Folgen: Als Lehsten und Kastner mit der Säule über der Schulter Schloss Neuschwanstein verließen, mussten sie eine Brücke passieren, auf der sich zahlreiche Japaner drängten. Deren Entsetzen war greifbar: „Sie haben wohl wirklich gedacht, wir bauen jetzt Neuschwanstein ab“, lacht Lehsten. Der Fototermin auf der Toilette eines Münchner Biergartens, der erst von der Geschäftsleitung genehmigt werden musste, zählt ebenfalls in diese Kategorie.
Und die Säulenwanderung geht weiter. Von Süddeutschland bis nach Berlin haben sich Kastner und Lehsten bereits vorgearbeitet, jetzt steht der Norden offen.
Die Säule wird also weiter neue Sichten offenbaren. Dafür ist sie wie kaum ein anderes Objekt geeignet: Säulen sind Grundelemente der Architektur, schon die ersten Baumeister nutzten sie in ihren Gebäuden. Die Säule als „Pfeiler der Macht“ ziert Tempel, Portale und Paläste. „Sie ist das architektonische Bindeglied des Menschen zum Himmel“, sagt Christian Lehsten.
Wünsche sind beim Duo Lehsten/Kastner natürlich noch offen. So würden beide die Säule gern auch jenseits der Landesgrenzen aufstellen. „Washington zum Beispiel ist ein ungeheuer ,versäulter‘ Ort, das würde reizen“, sagt Lehsten. Und ein großer Traum ist es natürlich auch, einmal Säulen nach Athen zu tragen.

Wochenend-Magazin, Schweriner Volkszeitung