Texte Anja Bölck

Auswahl an Beiträgen und Fotografien von Anja Bölck

Den Zimmermann an den Nagel gehängt

Frank Haak 36, verheiratet, 2 Kinder, arbeitet in der integrativen Kindertagesstätte „Regenbogen“ in Parchim +++ wird von den Kindern angehimmelt +++ war vorher Zimmermann +++ genießt seinen frühen Feierabend +++ spielt Geige im collegium musicum und singt im Chor „Zimt & Choriander“

Es gibt Tage, da geht Frank Haak mit Löchern im Bauch nach Hause. An denen haben ihn die lütten „Schieter“ aus der Kita „Regenbogen“ in Parchim unaufhörlich mit Fragen bombardiert. Heute ist wieder so ein Tag. Während Frank, wie ihn die Kleinen liebevoll nennen, mit einer Hand voll Mädchen und Jungen am Tisch sitzt, Luftballons beklebt und in dickbäuchige Sparschweine und Sparflugzeuge verwandelt, meldet sich Leon zu Wort: „Ist das so richtig?“, fragt er. „Hilfst du mir?“, bittet Jana im selben Moment. „Zeigst du mir das noch mal“, schaltet sich Flori dazwischen. Als Frank gerade überlegt, wem er zuerst seine Aufmerksamkeit widmen soll, kommt eine Truppe wilder Kerle mit Walki Talkies aus dem Nebenraum herein gehetzt und umkreist brüllend den Tisch. Frank wirf ihnen einen Blick zu, den sie sofort verstehen, denn schon ziehen sie Leine.

Frank Haak fotografiert von Anja Bölck

Frank Haak fotografiert von
Anja Bölck

Keine Frage, entweder hat dieser Mann Nerven wie Stahlseile oder er ist einfach vollauf zufrieden, mit dem, was er da tut. Frank Haak ist einer der wenigen Männer im Land, die sich für den Erzieherberuf entschieden haben. Klar nervt auch ihn hin und wieder der Lärm. Und einfach sei es nicht, fast nur Kolleginnen um sich zu haben. Vor allem in den Versammlungen stört ihn das „frauentypische Rumdiskutiere. Da gehen Männer anders ran, um ans Ziel zu gelangen.“ Aber ansonsten sieht der 36-Jährige seinen Job durchweg positiv. „Der tägliche Umgang mit den Kindern ist lustig und schön. Selbst Kuscheln gehört dazu.“ Wie viel er als Erzieher verdienen kann, ist ihm weniger wichtig, als glücklich und zufrieden in dem Beruf zu sein. Und das Argument zieht auch nicht wirklich, denn Kfz-Mechaniker oder Köche bringen oft auch nicht mehr mit nach Hause.
Richtig cool findet Frank Haak hingegen die Arbeitszeiten als Erzieher. „Früher musste ich bis 20 oder 22 Uhr arbeiten, jetzt hab ich um 15 Uhr Feierabend.“ Dies war übrigens ein Grund, dass der junge Mann seinen Beruf als Zimmermann an den Nagel hing. „Ich war so oft auswärtig unterwegs, dass ich meine Frau und meine beiden kleinen Kinder nicht mehr gesehen habe. Jetzt hab ich die besten Arbeitszeiten, die man sich als Familienvater vorstellen kann.“ Obendrein bleibt jetzt auch Zeit, um Hobbys zu frönen. Frank Haak spielt leidenschaftlich gern Geige im collegium musicum und er singt im kleinen Chor Zimt und Choriander mit.
Der Sprung vom Handwerksberuf in den Kindergarten ist ihm übrigens ziemlich leicht gelungen. Im Jahr 2009 stürzte er sich in der integrativen Kita „Regenbogen“ in der Leninstraße (die hatte er selbst als kleiner Knirps mit seinem Zwillingsbruder besucht) in ein Langzeitpraktikum.
An der Volkshochschule gab es dann die berufsbegleitende Ausbildung zum Erzieher. Auch an den Umgang mit Kindern musste er sich nicht lange gewöhnen. Als Rettungsschwimmer hatte er früher schon kleinen Leuten das Schwimmen beigebracht. Auftrieb gaben ihm seine Frau und die Freunde, die es toll fanden, ihn als Erzieher zu sehen. Seine Zimmermanns-Kollegen hatten da schon mehr zu schlucken.
Doch alles klappt prima. Frank Haak hält seine Kiddies bei Laune. Mit Toben und Basteln, Singen und allem, was dazu gehört. Und tatsächlich bauen Leon, Jana und Flori heute ihre Sparschweine mit einer Engelsgeduld, die sie zu Hause wohl nie aufbringen würden. Alle drei genießen die Nähe zu ihrem Erzieher. Für viele Kinder von Single-Müttern ist Frank der einzige Mann in ihrem
Alltag, zu dem sie Kontakt haben. Gemeinsam mit seiner Kollegin gibt der Parchimer das perfekte Gespann ab. „Wir ergänzen uns prima. Wie Zuhause Papa und Mama“, sagt er und macht Mut: „Ich würde mich freuen, wenn mehr Männer sich trauen, Erzieher zu werden. Na los! Dieser Beruf macht total viel Spaß.“

Broschüre der Lewitz-Werkstätten, 2015

Schüchterne Elefanten und vollmundige Matroschkas

Die Schwerinerin Nadja Bossert versucht mit einer Knet Confiserie ihr Glück

Nadja Bossert sitzt. Guckt. Sitzt weiter. Guckt wieder. Sie spürt die Wärme des Backofens im Gesicht. Sitzt und guckt. Ein ganzes Blech voll mit kleinen Minipizzas. Oder was sind das da für Dinger? Keine blubbernde Tomatensoße, kein tropfender Käse. Pizzas mit Gesichtern? Matroschkas mit dicken Lippen, die sich verziehen, als ob sie etwas Saures probiert haben?

Nadja Bossert fotografiert von Anja Bölck

Nadja Bossert fotografiert von Anja Bölck

Nadja Bossert amüsiert sich jedenfalls köstlich beim Anblick der schmollenden Münder. Sie selbst hat die Augen, Nasen und Lippen hineingedrückt in die weiche Masse, die sich Polymer Knete nennt und mit der sich so wunderbar Schmuck herstellen lässt.
Die junge Frau mit dem geflochtenen Haar knetet für ihr Leben gern. Beinahe wie ein kleines Mädchen. Aber sie ist längst kein Mädchen mehr und sie weiß ganz genau, was sie hier tut. Unter dem Namen Knet Confiserie stellt sie Schmuck mit einer Technik her, die niemand anderes beherrscht als sie. Nadja Bossert ist ein Neuankömmling unter den Schweriner Kunsthandwerkern, die sich am Ziegenmarkt und in der Münzstraße niedergelassen haben und von Jahr zu Jahr mehr werden.
Die Idee, Schmuck aus Knete herzustellen, kam der jungen Frau bei einer Russlandreise. Auf einem Basar fielen ihr Ohrringe und Ketten mit Blumenmotiven ins Auge – handgeknetet. Von da an konnte sie ihre Finger nicht mehr stillhalten. „Ich wollte etwas aus diesem Material machen, was es noch nicht gibt“, erinnert sie sich. „Ich habe herumexperimentiert, nächtelang.“ Inzwischen ist es ihr gelungen, amüsante Tier- und Menschengesichter in die Knete zu formen. Sechs bis zehn Stunden fertigt sie hierzu eine lange Wurst an, in der sich das Motiv von vorne bis hinten durchzieht. Wie sie das hineinbekommt, ist ihr Geheimnis. „Keiner kann nachvollziehen, wie ich das mache“, sagt sie schmunzelnd. „Ich baue einfach alles von innen nach außen auf.“ Mit dem Ergebnis, dass sie anschließend die Wurst in Scheiben schneiden kann und so je nach Bedarf neue Kettenanhänger, Ohrringe, Broschen oder Knöpfe gewinnt. Auch Kinderbesteck verschafft sie mit Tiermotiven wie schüchternen Elefanten und glubschigen Schildkröten ein fröhliches Aussehen.
Verblüffend ist, wie lange sich die Schwerinerin mit diesem Material beschäftigen kann. „Mit Knete zu arbeiten beruhigt unglaublich“, sagt sie mit entspanntem Lächeln, „Das ist für mich wie meditieren, ich merke nicht, wie die Zeit vergeht.“ An manchen Tagen wandern Nadja Bosserts Gedanken zurück in die Kindheit. Weit weg nach Sibirien, wo sie aufgewachsen ist. „Meine Zwillingsschwester und ich haben uns als Kinder viel selbst beschäftigt“, blickt sie zurück. „Wir haben sehr viel geknetet und Spielzeug nachgebaut und wir sind viel draußen gewesen.“
Als Nadja Bossert zehn Jahre alt ist, ändert sich einiges in ihrem Leben. Ihre Familie zieht 1993 nach Deutschland. Anfangs nach Sachsen, wo es Nadja gefällt. Doch wegen der Arbeit siedeln sie alsbald nach Stuttgart über. Hier bekommt das junge Mädchen Kälte und Vorurteile zu spüren. „Wir wohnten in einer Art Getto mit anderen Aussiedlern zusammen. Dadurch hatten wir einen schlechten Ruf. Kinder aus anderen Stadtteilen ließen uns das spüren, sie plapperten nach, was ihre Eltern sagten. Etwa, dass wir ganz viel Leistung vom Staat erhalten, dicke Autos fahren und sie die Steuer bezahlen müssen.“
Über die Sprache stolpert Nadja nicht. Ihre Eltern konnten Altdeutsch und bereits in Russland hatten die Kinder Unterricht bei einem Privatlehrer. Doch das beste Deutsch half ihr nicht dabei, die Sachsen und Schwaben zu verstehen. Nadja geht ihren Weg, obwohl sie sich in der Ecke nicht wohl fühlt. Sie studiert Medien in Stuttgart und ist fasziniert vom Puppentrickfilm. Zusammen mit ihrer Schwester dreht sie einen eigenen Streifen. Sie bauen die Figuren, die Kulisse, die Animation, äffen die Stimmen nach. Eine Mammutarbeit. Der kurze Film ist so gut, dass er 2007 auf dem Kinderkanal Kika gezeigt wird.
Am Ende des Studiums begibt sich Nadja auf eine halbe Weltreise. In Australien lernt sie ihren Freund kennen, einen gebürtigen Ludwigsluster. Gemeinsam wohnen sie eine Weile in Hamburg zusammen. Doch die Stadt ist ihnen zu groß, Ludwigslust dagegen zu klein. Nadja Bossert verliebt sich in Schwerin und überzeugt ihren Freund im Jahr 2011 in die kleine Landeshauptstadt zu ziehen. Hier fühlt sie sich auf Anhieb wohl. „Die ostdeutsche Mentalität ähnelt eher der russischen“, sagt die junge Frau und durchquert den Laden, den sie sich seit ein paar Wochen mit zwei anderen Kunsthandwerkerinnen, einer Silberschmiedin und einer Wollgestalterin, teilt. Auf ihrem Schreibtisch stehen einige Figuren aus dem Kika-Trickfilm. Demnächst will die 29-Jährige wieder ein Projekt wagen. Einen Knettrickfilm. Einen, der mit geringem Aufwand große Wirkung erzielt. Ihre Zwillingsschwester, die heute in Australien lebt und auch zu den Kreativen gehört, hat sie dabei wieder mit ins Boot geholt. Nadja Bossert ist eine Verfechterin der langsamen Erzählweise. Sie verabscheut die schnellen Kinderfilme, mit denen private Sender aus Verkaufsgründen die Lütten an den Bildschirm fesseln. „Alles, was langsam ist, kommt den Kleinen dann langweilig vor. Es ist schwierig, sie trotzdem zu begeistern.“
Nadja Bossert selbst kann sich an Vielem erfreuen. Daran, mit Nachbarshunden spazieren zu gehen, die Natur zu genießen oder Salsa zu tanzen. Und natürlich an ihrer Arbeit. Die frisch gebackene Knet Confiserie läuft gut an. Immer häufiger steigen Kindergeburtstagspartys im Laden. Begeistert wühlen sich Sechsjährige durch einen Haufen bunter Knete und fabrizieren die tollsten Sachen, wie Nadja findet. Anschließend backt sie alle Figuren wie Plätzchen. Dann sitzt sie wieder und guckt. Spürt die Wärme des Backofens auf ihrer Haut. Sitzt und guckt.

BU: Nadja Bossert hat genug Knete. So viel, dass die frisch gebackene Schwerinerin mal eben eine Knet Confiserie eröffnete. Nun stellt sie Schmuck für kleine und große Mädchen her.

Schwerin Live – Das Monatsmagazin für die Landeshauptstadt Schwerin

Ein glänzender Auftritt

Als Graveurmeisterin geht Carola Frericks einem selten gewordenen Handwerk nach

Carola Frericks hat nicht mit Posaunen und Trompeten auf sich aufmerksam gemacht. Als sie die Verzierungen eines uralten Instruments kopieren durfte, saß sie mucksmäuschenstill in ihrer Werkstatt, lauschte den Glockenschlägen der Paulskirche und konzentrierte sich auf die Arbeit. Es war ein spannender Auftrag, den sie in den Händen hielt.

In der Kirche in Belitz (Prebberede) war eine Birckholtz-Trompete von 1650 entdeckt worden – eine kleine Sensation.
Daraufhin kam ein Blechblasinstrumentenbauer aus Rostock auf die Idee, eine Kopie vom guten Stück anzufertigen, bevor es nach Nürnberg ins Museum wandern sollte. Für die reichen Verzierungen brauchte er einen Experten. So stieß er auf Carola Frericks, die Graveurmeisterin aus Schwerin.

Carola Frericks fotografiert von Anja Bölck

Carola Frericks fotografiert von Anja Bölck

Die ließ sich nicht zweimal Bitten. Vorsichtig zeichnete sie auf dem neuen Messing-Instrument die Linien vor. Dann schob sie mit spitzem Werkzeug, dem Stichel, über die Zeichnung. Dabei lösten sich kringelnd Späne. Vor jedem weiteren Stich träufelte sie ein wenig Öl auf die Stelle. Dadurch erhielt die Handgravur ihren charakteristischen Glanz. Anschließend wurde sie mit einer hauchdünnen Silberschicht überzogen.
Viele Stunden hat Carola Frericks in die Trompeten-Kopie gesteckt. Nicht alles, was sie anpackt, ist so zeitaufwendig. Auch Ringe, Uhren oder Becher aus Edelmetall, die sie mit feinsten Ornamenten, Monogrammen und Wappen schmückt, brauchen ihre Zeit. Viel Kraft und Konzentration ist vonnöten. Und immer auch tragen die schwungvollen Linien ein wenig ihrer persönlichen Handschrift.
Carola Frericks hat lange hin und her überlegt, bis sie die eigene Werkstatt aufmachte. Schon als es sie 1999 nach Schwerin verschlug, erkundigte sie sich bei den Handwerkskammern im Land, ob es irgendwo einen Meister des Graveurhandwerks gebe.
Doch da fand sich niemand. „Das ist jetzt deine Chance“, dachte die gebürtige Magdeburgerin. „Mach das endlich“, drängelten immer wieder ihre Freunde. Die Aufregung war groß. Doch erst nach sieben Jahren wagte sie den Schritt. Im Mai 2006 eröffnete sie in der Franz-Mehring-Straße ihre eigene Werkstatt, um das zu tun, was sie als junges Mädchen gelernt hatte. Ende der 1970-er Jahre besuchte sie die einzige Klasse in der DDR, in der Graveure ausgebildet wurden.
Schon damals war sie eine Exotin und ist es bis heute geblieben. Festgestellt hat sie, dass viele Schweriner gar nicht wissen, dass es in der Stadt wieder einen echten Graveur gibt. Zu lange gab es dieses Handwerk in Schwerin nicht mehr.
Carola Frericks selbst hat sich inzwischen einen Kundenstamm aufgebaut, der von Hamburg bis Neubrandenburg reicht. Häufig sind es Goldschmiede, die ihr etwas zum Gravieren schicken. Hin und wieder schaut auch jemand persönlich vorbei, um ein Erbstück aufarbeiten zu lassen. Mal sitzt sie gebeugt über Zinnbechern, Kerzenständern und Feuerzeugen, mal graviert sie Monogramme, Familienwappen in Bestecke oder Zunftzeichen auf Schilder.
Zumeist sind es Edel- und Bundmetalle wie Gold, Silber, Kupfer, Messing, Aluminium oder Zink, die sie bearbeitet. „Gehärteter Stahl ist zu hart“, sagt sie. „Da reicht meine Kraft nicht aus.“ Doch das hält sie nicht auf. Nachdem sie ihre ganze Energie in eine Handgravur gesteckt hat, setzt sich die Meisterin an eine computergesteuerte Maschine, um eben andere Dinge wie Schilder aus Metall und Kunststoff anzufertigen. „Ich habe so einen tollen Beruf“, schwärmt sie. „Das ist immer wieder ein gravierend schönes Gefühl.“

Schwerin Live – Das Monatsmagazin für die Landeshauptstadt Schwerin

Rendezvous mit Mama Chocolate

Weltenbummlerin Gunhild Nienkerk verwöhnt frisch gebackene Eltern

Wer einmal Frauen mit weißen Bärten sehen möchte, sollte bei Gelegenheit durch die Fensterscheibe von Mama Chocolate schauen. Hier probt nicht etwa das weibliche Geschlecht den Auftritt als Weihnachtsfrau. Nein, es sind junge Mütter, die genüsslich ihren Schaum beladenen Milchkaffee schlürfen.

Babygeschrei erlaubt: Gunhild Nienkerk lebt in ihrem Café Mama Chocolate mehr Menschlichkeit aus.

Babygeschrei erlaubt: Gunhild Nienkerk lebt in ihrem Café Mama Chocolate mehr Menschlichkeit aus.

Und was für ein Schaum! Gunhild Nienkerk hat lange geübt, um ihn so hinzubekommen.Genaugenommen ein Jahr, denn so lange gibt es ihr Café in der Friedrichstraße jetzt. Vorbeischlendernde, die Mama Chocolate anfangs mitleidig belächelten („Na, ob das was wird?“), hat sie eines besseren belehrt. Zu Spitzenzeiten schmiegen sich 14 Kinderwagen aneinander. Es scheint, als fühlten sich die Mütter hier wohl. Sie lümmeln an Tischen oder auf Bodenkissen, schnattern, genießen ihren Kaffee und brauchen sich nicht zu schämen – Babyschreien ist erlaubt, Spielzeug genug da.

Derweil lenkt Gunhild Nienkerk mit einer gelungenen Mischung aus Nähe und Distanz das mal ruhige, mal quirlige Treiben im Café. Dabei huschen immer wieder Funken der Zufriedenheit über ihr Gesicht. Alles ist so, wie sie es sich selbst gewünscht hätte, als ihr Sohn, heute zehn Jahre, noch ein Säugling war. „Damals hatte ich gerade mein BWL-Studium hinter mir und wollte nicht permanent über Windeln wechseln reden“, erinnert sich die 35-Jährige. „Andererseits gab es in meinem Freundeskreis noch niemand mit Kindern. Ich fühlte mich irgendwie zerrissen und hätte gern einen Platz gehabt, wo ich hingehen kann, um anderen über die Schulter zu gucken. Doch solche Orte gab es noch nicht.“

Manches hat sie sich im Ausland abgeguckt. Fotos: Anja Bölck

Manches hat sie sich im Ausland abgeguckt. Fotos: Anja Bölck

Wie es der Zufall will, lernt Gunhild Nienkerk schon einige Zeit später eine ganz andere Welt kennen. Sie gewinnt eine Reise nach Ägypten. Dort gefällt es ihr so gut, dass sie im Jahr 2004 beschließt, mit ihrem Sohn zu bleiben. Während sie auf einer Tauchbasis arbeitet, geht Jakob in einen englischen und später holländischen Kindergarten. Gunhild Nienkerk staunt, wie offen die Menschen in diesen Ländern mit den Kleinen umgehen, wie sie die Kinder in ihr Leben einschließen. „Auch auf meinen späteren Reisen stieß ich auf diese Wärme“, so die Schwerinerin. „Hier in Deutschland wird zwar viel getan für Kinder, aber es fehlt das Herz.“

Nach mehreren Monaten im Ausland zieht es Gunhild Nienkerk wieder nach Mecklenburg-Vorpommern zurück, vorerst nach Rostock. Doch schon bald ertappt sie sich dabei, wie sie ständig zu den Eltern und Freunden nach Schwerin fährt. Sie heuert als Teamleiterin in einem Call Center an und erkennt: „Das ist nicht mein Metier.“ Als sie sich arbeitslos meldet, spürt sie erneut den lang verborgenen Wunsch heranreifen, etwas für Kinder zu schaffen. „Ein Café fehlte noch in meinem turbulenten Lebenslauf “, sagt die aufgeweckte Jungunternehmerin, die in ihrer Freizeit gerne herumreist, auf der Gitarre klimpert oder sich im Kitesurfen übt. Und so lief sie zur IHK, beantragte einen Kredit, schrieb ein Konzept und suchte sich Räume. Die Friedrichstraße, ein Tipp ihrer Freundin, schien ihr perfekt. Günstige Miete, ruhige Lage und die Laufstrecke der Kinderwagenmuttis.

Doch auch Väter in der Elternzeit schauen gerne vorbei. Hin und wieder schweift Gunhild Nienkerks Blick nach draußen. Wenn ihr Freund, der Rikscha- Fahrer, vorbeiradelt, winkt sie ihm zu. Gunhild Nienkerk hat viele Ideen. Mama Chocolate soll mehr als nur ein Café sein. Ob Stillberatung oder Tragetuchkurse – sie serviert den Müttern passende Ansprechpartner für Themen, die sie brennend interessieren. „Wer mit seiner Lebenssituation nicht klar kommt, auf finanziellen Problemen sitzt oder einfach nur Ärger mit den Schwiegereltern hat, kann jeden Freitagvormittag zur Sozialberatung vorbeischauen“, so Gunhild Nienkerk. Seit neuestem lädt sie Sonntagmorgen ab 10 Uhr Alleinerziehende ein. All jene, die an diesem „Familientag“ nicht wissen, wo sie hinsollen. Und jetzt zur Weihnachtszeit wird bei Mama Chocolate jeden Nachmittag um 16.30 Uhr ein klitzekleines Märchen vorgelesen.

Schwerin Live – Das Monatsmagazin für die Landeshauptstadt Schwerin

Blaue Lupine ist in aller Munde

Neubrandenburger Firma Prolupin lässt aus heimischer Hülsenfrucht erfolgreich rein pflanzliche Lebensmittel herstellen

Soja gilt unter gesundheitsbewussten Laien als Wundermittel. Katrin Petersen, Geschäftsführerin der Neubrandenburger Firma Prolupin, gehört jedoch zu den Verfechtern einer ganz anderen „Wunderpflanze“: der Blauen Süßlupine (Lupinus angustifolius).

Die Blaue Süßlupine, © Julius Kühn-Institut Groß Lüsewitz

Die Blaue Süßlupine, © Julius Kühn-Institut Groß Lüsewitz

Die heimische Hülsenfrucht mit den purpur-violetten Blüten ist anspruchslos an Boden und Klima und wächst auch auf den kargen Sandböden in Norddeutschland. Vorrangig wird sie in Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt und Brandenburg auf mehr als 24 000 Hektar angebaut. Die Firma Prolupin, die regionale Landwirte mit dem Lupinenanbau beauftragt, hat viel vor mit der einheimischen Eiweißpflanze. „Mit Hilfe des am Fraunhofer Instituts für Verfahrenstechnik und Verpackung in Freising entwickelten Verfahren ist es gelungen, wertvolles Eiweiß der Blauen Süßlupine zu gewinnen – ohne den für Hülsenfrüchte so typischen bitteren, bohnigen Geschmack“, erklärt Katrin Petersen. „Seit 2011 kümmert sich unsere Firma Prolupin als Spin-off der Fraunhofer Gesellschaft um die Herstellung und Vermarktung neuer Lebensmittelzutaten aus Lupinen.“
Dass Lupinen für die Ernährung genutzt werden, ist nicht neu. Bereits die alten Griechen und Ägypter verarbeiteten die erbsengroßen Samen. Auch heute sind im Handel lupinenhaltige Produkte überwiegend auf der Basis von Lupinenmehl oder Lupinenkonzentraten erhältlich. „Prolupin konzentriert sich hingegen auf die Herstellung hochfunktioneller Lupinenproteinisolate“, so Katrin Petersen. „Dadurch sind wir in der Lage, bei der Lebensmittelherstellung auf tierische Proteine wie Ei, Fett oder Milch zu verzichten. Das Beste daran ist: Die rein pflanzlichen Lebensmittel unterscheiden sich kaum in Geschmack und Textur von herkömmlichen Produkten.“
Speiseeis mit Eiweiß aus Lupine, © Fraunhofer-Institut für Verfahrenstechnik und Verpackung

Speiseeis mit Eiweiß aus Lupine, © Fraunhofer-Institut für Verfahrenstechnik und Verpackung

Erste Erfolge verzeichnet das Unternehmen mit einem Eis, das es unter dem Namen LUPINESSE mittlerweile in den meisten Einkaufsmärkten gibt. Choco Flakes, Strawberry Mousse, Vanilla Cherry und Walnut Dream heißen die 100% laktose-, gluten- und cholesterinfreien Sorten, die vor allem von Veganern und Allergikern hoch geschätzt werden.
Was mit dem Lupinen-Eis gelungen ist, überträgt Prolupin derzeit im Forschungsvorhaben PlantsProFood auf andere Lebensmittel. Die Firma Greifen-Fleisch wird beispielsweise eine Leberwurst vermarkten, die deutlich weniger Fett enthält, aber unverändert in Geschmack, Geruch und Streichfähigkeit ist. Unterstützung erfährt das Bündnis „PlantsProFood“, dem auch die Prolupin angehört, vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF). Das Vorhaben wird seit 2010 im Rahmen der Förderinitiative „Unternehmen Region“ mit 4,2 Mio. EUR gefördert und intensiv begleitet.
„Bevor die Produkte in den Handel kommen, werden wir die lupinenbasierten Lebensmittel, an denen Produzenten aus den Bereichen Fleisch- und Wurstwaren, Feinkost sowie Back- und Teigwaren aus MV mitgewirkt haben, gemeinsam auf der Grünen Woche in Berlin präsentieren“, so Katrin Petersen. „Bei Kochevents und Verkostungen wollen wir schauen, welche Produkte den Besuchern besonders gut schmecken. Zusammen mit den Lebensmittelproduzenten haben wir uns das Ziel gesetzt, eine unverwechselbare Produktlinie auf Basis der Blauen Lupine aufzubauen und unter einer einheitlichen Dachmarke zu vereinen.“ Auf die Firma Prolupin und die beteiligten Lebensmittelproduzenten wartet also noch viel Arbeit, bis Cremes, Soßen, Majonäsen, Backwaren und pflanzliche Steaks aus Lupinen ihren Platz in den Supermärkten erobert haben.

Die Internationale Grüne Woche Mecklenburg-Vorpommern im Netz

Schaulustige machen lange Hälse und große Augen

Lübzer Paar stellte mit Erfolg eine Straußenfarm auf die Beine

Irgendwo in Afrika könnte die Straußenfarm von Monika Helfrich und Frank Löhr liegen. Niemand würde es merken. Wären da nicht die saftigen grünen Wiesen. Mitten im kalten Norden, am Rande der Stadt Lübz, haben die beiden ihre Farm aus dem Boden gestampft. Seitdem reckt nicht nur das Federvieh die Hälse. Schaulustige aus nah und fern kommen in den Sommermonaten vorbei, um die imposanten Straußenherden vor einzigartiger Naturkulisse zu beobachten.

Die Erfolgsstory der Straußenfarm Riederfelde begann an einem gewöhnlichen Fernsehabend, zu dem sich das Paar Monika Helfrich und Frank Löhr mit Sohnemann Leon auf dem Sofa versammelte. „Wir sahen einen Bericht über eine Straußenfarm“, erinnert sich Monika Helfrich. „Von da an ließ uns das Thema nicht mehr los. Es war einfach eine Bauchgeschichte. Nie zuvor hatten wir solch eine Farm gesehen oder eine Reise nach Afrika unternommen. Mein Mann bewirtschaftete zu der Zeit als gelernter Landwirt ein paar Kleintiere nebenher. Er schwärmte immer, dass er da noch mal die Herausforderung suche.“

Und die lag nun vor ihnen. Am 1. Oktober 2004 starteten sie mit 14 Kücken. Ein Jahr später eröffneten sie in Riederfelde den Hofladen. Inzwischen tummeln sich auf ihrem 18 Hektar großen Gelände je nach Jahreszeit zwischen 130 und 200 Tiere. Im Frühjahr pickt sich der Nachwuchs aus den Eiern. Heiß begehrt sind hingegen jene Exemplare, die nicht im Brutkasten verschwinden. „Seit wir im vergangenen Jahr unseren Online-Shop einrichteten, ist die Nachfrage ungebrochen groß“, stellt Monika Helfrich fest. „So ein Riesenei hält sich ungekühlt bis zu sechs Wochen und entspricht 20 bis 24 Hühnereiern. Da wird das Rühreimachen zur Attraktion.“

Ansonsten geht es auf der Straußenfarm Riederfelde aber vor allem um das Fleisch. Das Monika Helfrich übrigens für eines der schmackhaftesten und gesündesten überhaupt hält. „Unsere Tiere laufen auf ungedüngter Weide, erhalten einheimisches Futter und keinerlei Medikamente. Es ist ökologisches Fleisch, auch ohne Biosiegel. Ich denke, diese Schiene fahren die meisten Straußenzüchter.“ Schnell hat das Paar festgestellt, dass die großen Laufvögel sich niemals für die Massentierhaltung eignen. Zu aufwändig sei die Zucht und die Fleischausbeute zu gering. Aber, dass sie selbst einmal von ihren Tieren leben können, darauf arbeiten sie hin. Noch ist es für sie nur ein Nebenerwerb. Aber wenn Monika Helfrich im Sommer die vielen Leute sieht, die fasziniert am Zaun stehen und die Strauße mit Gras füttern, fühlt die 51-Jährige Stolz in sich aufkommen. „Im Zoo gibt es meist nur zwei, drei Tiere zu sehen. 50 bis 60 dieser Vögel zu beobachten, ist schon toll.“

Doch was so idyllisch aussieht, ist harte Arbeit. Frank Löhr steigt morgens um vier aus den Federn, kurz danach seine Frau. Abends halb neun ist Feierabend, sieben Tage die Woche. So etwas hält nur aus, wer mit Leib und Seele bei der Sache ist. Gut, dass ihr jüngster Sohn Leon ihre Leidenschaft teilt. Ihren Mann nennt Monika Helfrich liebevoll Straußenflüsterer. „Ich kümmere mich um das Kaufmännische, den Onlineshop und Hofladen und er hat ein Händchen für die Tiere“, sagt sie. Dressieren ließen sich die Vögel mit den großen Augen und geschwungenen Wimpern, die im Sprint bis zu 70 km/h schnell werden, jedoch nicht. Im Gegenteil, vor allem in der Balzzeit seien sie sehr gefährlich. „Mit einem gezielten Tritt nach vorne können sie sogar einen Löwen töten.“ Nicht selten hat Monika Helfrich erlebt, wie ihr Mann aus dem Gehege über den 1,80 hohen Zaun flüchten musste.

Nicht auf der Flucht, sondern ins Abenteuer stürzten sich Monika Helfrich und Frank Löhr im vergangenen Jahr auf ihrer ersten Afrika-Reise. „Es war an der Zeit zu gucken, ob wir alles richtig machen“, so Monika Helfrich. „Schließlich gilt Südafrika als Hochburg der Straußenzucht. Das Fleisch ist dort ein Nationalgericht.“ Zufrieden stellten die beiden fest, dass alle Farmen ähnlich gestrickt waren, wie die ihrige Zuhause. Mit frisch geknüpften Kontakten traten sie die Heimreise an.

Mit wehenden „Federn“ wollen die beiden von der Straußenfarm Riederfelde auch wieder auf der Grünen Woche in Berlin auf sich aufmerksam machen. Neben Produkten aus hochwertigem Straußenleder und Schmuck brachten sie eine medizinische Kosmetikserie auf den Weg. „Außerdem haben wir eine neue Salami im Gepäck sowie zwei Wurstsorten, die erstmals zu 100 Prozent aus Straußenfleisch bestehen“, verkündet Monika Helfrich. „Die dürften vor allem für all jene interessant sein, die sich gesund ernähren oder aus Glaubensgründen auf andere Wurstsorten verzichten müssen.“

www.gruene-woche-mv.de, die Grüne Woche in Mecklenburg-Vorpommern im Netz

Gut gerüstet zwischen Himmel und Erde

Der Ingenieur Horst Haker bewahrt mit einem selbst entworfenen Gerüst den Turm des Schweriner Doms vor dem Verfall

Wie Akrobaten tänzeln sie auf dem Dach herum. Waghalsige Männer in schwindelerregender Höhe. Getragen von einem schwebenden Gesteck aus Aluminiumrohren. Was wäre aus dem Schweriner Dom geworden ohne jene mutigen Handwerker? Und was wäre aus ihm geworden ohne Horst Haker?
⇓ Lesen Sie mehr!